Rigoletto im Staatstheater
„Spaßmacherlein“ als Kindesentführer

Das düstere Ambiente der Nürnberger Rigoletto-Inszenierung im Staatstheater wirkt wie ein Kinoausschnitt des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini. Bild: Jutta Missbach
Kultur BY
Bayern
03.06.2016
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Spötter oder Verspotteter, naiver Geselle oder kritischer Geist; Opfer, Rächer oder gar Revoluzzer wie in der Stuttgarter Inszenierung 2015 durch Jossi Wieler: Es gibt kaum einen Charakter, den man ihm nicht auf den Leib geschneidert hat.

Nürnberg. Auch die Rolle, in die Verena Stoiber Verdis Narren im Nürnberger Staatstheater schlüpfen lässt, ist nicht neu. Die gebürtige Münchnerin führt es aber radikal zu einem bitteren Ende. Die Regisseurin, die ihr Handwerk unter anderem bei Calixto Bieito und Jossi Wieler erlernt hat, verwandelt das "Spaßmacherlein" (italienisch "Rigoletto") in einen erbärmlichen und letztlich ohnmächtigen Kindsentführer.

"La maledizione", der Fluch des Grafen von Monterone, durch die Tonart C-Moll und das unerbittliche Deklamieren auf einem Ton gekennzeichnet, bahnt sich bereits vor dem ersten Akt in einer eindrücklichen Szene an. Rigoletto, als Clown maskiert, huscht über die Bühne und zieht ein fünfjähriges, widerspenstig wirkendes Mädchen hinter sich her.

Realistischer Ansatz


Der Kindheit entwachsen, haust Gilda in einem Kellerloch und der Maskenmann beschützt sie vor der bösen Welt beschützt. Für das düstere Bühnenbild sorgt an dieser Stelle Atmosphären-Zauberin Sophia Schneider - natürlich spielt sie mit der Kargheit des Raumes auf Kinderschicksale wie das von Natascha Kampusch an. "Si vendetta, tremenda vendetta" - für die Entehrung der Tochter durch den triebgesteuerten Herzog, fordert Rigoletto Rache. Stimmgewaltig suchen Vater (Mikolaj Zalasinski) und "Tochter" (Michaela Maria Mayer), zwischen Moll und Dur, noch einmal die "Vereinigung". Doch Gilda zerbricht unter der zermürbenden Last von Erwartungen und Gefühlen. Die junge Frau ritzt sich Arme und Beine blutig und wird - auch das ist eine Neudeutung von Verena Stoiber - am Ende nicht ermordet. Sie stirbt an den Verletzungen, die sie sich selbst und die Gesellschaft ihr zugefügt haben.

Der finstere Kerker verwandelt zu guter Letzt zum spannenden Tatort. Der Herzog (mit einigen vokalen Schwächen: David Yim) zwingt die Prostituierte Maddalena stimmlich und spielerisch zur Höchstform: Ida Aldrian) mit gezogenem Revolver, für seine Begnadigung zu plädieren. Der Auftragskiller, ihr Bruder, muss sich deshalb ein anderes Opfer suchen.

Geteilte Meinungen


Man kann es nicht einmal erahnen, wen er statt des Herzogs um die Ecke bringt und in dem Leichensack verpackt. Gilda jedenfalls steht daneben, wie ein Engel oder eine Vision, strahlend singend. Die Staatsphilharmonie unter Marcus Bosch lässt dazu mit einem dramatischen Crescendo gekonnt klangliche Emotionen wogen. Emotionen, die dann auch das Publikum zum Kochen bringen.

Für die imponierende Premiere gab es sowohl laute "Buh"-Rufe auf der einen Seite, aber auch überschwängliche "Bravo"-Bekundungen auf der anderen. Der Nürnberger "Rigoletto" ist also ein dreifaches "Spaßmacherlein": musikalisches Erlebnis der Spitzenklasse, psychologische Exkursion in menschliche Abgründe und überraschender Publikums-Spalter. Klasse, wenn Theater immer wieder für Theater und Oper so "närrisch" für anregende Diskussionen sorgt.

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Weitere Informationen:

www.staatstheater-nuernberg.de
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