"Rocky Horror Show": Musical-Premiere im Deutschen Theater
Bizarr, böse und brillant

Der harmonische Revue-Reigen täuscht: Bald geht es der "Diva" Frank"n"Furter (Rob Fowler, Mitte) an den Kragen. Bild: Nilz Böhme, Jens Hauer
Kultur BY
Bayern
06.03.2015
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Es ist ein Gänsehautmoment. Selbst eingefleischte Fans der "Rocky Horror Show" - und das sind die meisten bei der Premiere - schaudern, als Riff Raff und Magenta am Ende die Kontrolle übernehmen - und das Drama seinen Lauf nimmt.

Der Schock-Auftritt der Hausdiener als fünf Meter hohe Giganten wird dadurch extrem verstärkt, dass gerade diese, von Stuart Matthew Price und Maria Frazen verkörperten Figuren in der Inszenierung von Richard O'Brien's "Rocky Horror Show" vergleichsweise blass geblieben sind. Regisseur Sam Buntrock gibt ihnen zwar "ihren" Moment, viel mehr aber nicht.

Überwältigend einfach

Überhaupt setzt Buntrock bei der Musical-Premiere im Deutschen Theater in München statt auf ausgefeilte Figuren mehr auf Atmosphäre. Seltsamerweise schadet das der überbordenden Inszenierung im englischen Original nicht. Sie elektrisiert schlichtweg und hat für ohnehin begeisterte Genre-Fans noch ein paar Extras parat.

Über die Geschichte eines der meist-aufgeführten Musicals überhaupt muss nicht viel erzählt werden. Die naiven, konservativen Verlobten Brad (David Ribi) und Janet (Harriet Bunton) landen nach einer Autopanne in einem Schloss. Dort treibt eine närrische und maßlose Gesellschaft von - wie sich später herausstellt - Außerirdischen um Hausherren Frank'n'Furter (Rob Fowler) ihr Unwesen. Nach einer abgedrehten Nacht verführt, emotional erschüttert und geschändet ist für die beiden nichts mehr wie zuvor.

Mehr als vergleichbare Produktionen ist die Neu-Inszenierung eine bombastisch ausgestattete, prickelnde Zitatesammlung galore von B-, Horror- und Kult-Filmen. Von der per Video eingespielten "Außenaufnahme" eines grottenschlechten Schloss-Modells in der unwillkürlich komischen Tricktechnik der 50er bis hin zu billigen Neon-Effekten ist alles witzig-authentisch. Wie Bildschirme und Konsolen, die an Flash Gordon erinnern, die Ermordung Eddies (Charles Brunton) auf Psycho-Art mit dem Messer hinter einem Duschvorhang und die Frankenstein-Referenzen bei der Erschaffung von Kunstmensch Rocky (Vincent Gray). Die Ausstattung der zu frischen Choreographien tanzenden Statisten ("Phantoms") zwischen Karneval in Venedig und Fetisch tut ihr Übriges.

Das gesanglich und schauspielerisch durchweg überzeugende Cast schafft in diesem wahren Universum an Trash und Bling-Bling einen Nährboden für die genialen Songs wie "Science Fiction Double Feature" oder "Sweet Transvestite" und die tragenden Figuren. Diesen gibt die Bearbeitung viel Raum. Rob Fowler brilliert als Ober-Alien in Strapsen und breitet die Gefühlspalette von absurden Eskapaden bis hin zur ernsten, bewegenden Ballade "I'm Going Home" mit gewaltiger Stimme und schelmischem Wortwitz aus.

Brav und schmutzig

Zu dieser Performance schaffen Harriet Bunton und Hannah Cadec die nötigen Gegenpole. Shooting-Star Bunton bezaubert beim Wandel ihrer Janet vom Unschuldslamm zur enthemmten jungen Frau, die endlich "schmutzig" sein will. Dagegen gewinnt die widerborstige Columbia - von Cadec unglaublich schrill angelegt - sogleich die Sympathie des begeisterten Premieren-Publikums am Mittwoch. Dieses schlägt sich wacker. Zwar tanzt es den berühmten "Time Warp" nicht mit - angesichts enger Stuhlreihen verständlich -, doch die Klopapierrollen und Spielkarten fliegen stilecht, die Wasserpistolen geben dem Gewitter den feuchten Touch und die kultigen Zwischenrufe ("Boring") treffen ins Ziel.

Rob Fowler und ein gewohnt cooler Sky du Mont in einer Paraderolle als Erzähler halten im Geplänkel mit den Zuschauern locker und zotig dagegen. Du Mont, der in den Shows ab dem 17. März Nachfolger Martin Semmelrogge riesengroße Fußstapfen hinterlässt, hat sichtlich Spaß: "Wirklich, die geilste Show, die ich je gemacht habe."
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