"Scènes de la Vie de Bohème" im Staatstheater Nürnberg
Arme Schlucker mit Pep und Power

Ohne Kohle trotzdem auf großem Fuß leben: Am Staatstheater Nürnberg feierte das Leben der Bohème nach Herny Murger Premiere. Bild: Kusch
Kultur BY
Bayern
22.04.2015
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"Sein Koch war der Zufall, und oft übernachtete er bei Mutter Grün", so beschrieb sie Henri Murger in seinem Erzählband "Scènes de la Vie de Bohème". Die Bohème, diese Art zu leben, war vor allem in Künstlerkreisen, bei Malern, Dichtern und Literaten, aber auch unter Studenten weit verbreitet.

Statt sich Regeln und Normen zu unterwerfen, träumten sie von kreativer Freiheit und vollkommener Selbstverwirklichung. Wie man trotz Geldsorgen exzessive Partys feiert und einigermaßen über die Runden kommt, kann man nun im Nürnberger Schauspielhaus erfahren.

Unbeschwerte Welt

Regisseur Stefan Otteni und Bettina Ostermeier, seit der Spielzeit 2009/2010 Leiterin der Schauspielmusik am Staatstheater, nahmen sich Henri Murgers Roman vor und ertüftelten einen ganz eigenen Abend über die unbeschwerte Welt von Kunst und Kultur.

Und wie es sich für ein Singspiel gehört, steht der Gesang im Vordergrund. Der Hit "Under Pressure", der in den 80er Jahren von Queen und David Bowie in die Charts gehievt wurde, ist da ebenso zu hören wie Eigenkompositionen, bei denen die Damen-Combo munter swingt und sogar Flaschen Töne entlockt. Faszinierend ist es auch, wie Werner Treiber, Dozent für Schlagzeug und Percussion an der Städtischen Musikschule, Holzwänden oder einer Waschmaschinen-Trommel rhythmische Vielfalt entlockt.

Musical-Qualitäten

Die gesanglichen Leistungen des Schauspiel-Ensembles können sich durchaus hören lassen. Vor allem Elke Wollmann (aufgewachsen in Amberg), die schon bei verschiedenen Folk- und Rockbands sang und in Nürnberg eine beeindruckende "Piaf" auf die Bühne brachte, beweist hier Musical-Qualitäten. Verblüffend ist der stete Einsatz der Drehbühne, auf der ein Beton-Bunker mit kleinen und großen Zimmern steht, der immer wieder unterschiedliche Szenen eröffnet (Peter Scior). Die lokalen Anspielungen "Auf AEG" und Gostenhof sind witzig.

Auffällig ist, dass derzeit auf den Schauspielhaus-Bühnen viel geraucht wird und heftige Nebelschwaden wabern. An zwei oder drei Stellen könnte man ein wenig kürzen, um der "Bohème" mehr Würze zu verleihen. Ansonsten: Ein abwechslungsreicher Ausflug in die Welt der Dichter und Denker, die ihr Publikum auch als arme Schlucker mit einer Menge Pep und Power bereichern.
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