"Sei ungewöhnlich, sei eine Persönlichkeit"

Bob Geldof und seine Boomtwon Rats stellen live gerne unter Beweis, dass weder sie noch ihre Songs in die Jahre gekommen sind. Bild: Scarlet Page
Kultur BY
Bayern
13.05.2015
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Trotz zahlreicher karitativer Verpflichtungen: Im Mai kommen die Original-Boomtown Rats mit Bob Geldof für drei Konzerte nach Deutschland, um alle ihre Klassiker wie "I Don't Like Mondays", "Banana Republic" oder "Rat Trap" live zu präsentieren. Motto der Auftritte: Punk Forever!

Anfang 2013 verkündete Bob Geldof die Reunion der legendären Boomtown Rats - derjenigen an Punk, Pop, Reggae und Rock gleichermaßen orientierten Band, welcher der heute 63-Jährige zwischen 1975 und 1986 als Frontmann und Texter vorstand. Was folgte, war ein spektakulärer Auftritt beim legendären britischen "Isle of Wight"-Festival 2013 und einer im Vorprogramm der Toten Hosen im Sommer desselben Jahres während eines Open Airs in Hoyerswerda.

Nicht viel, könnte man sagen. Wenn man allerdings bedenkt, dass der Ire, der sich seit seinem Ritterschlag durch die Queen im Jahre 1986 Sir Bob Geldof nennen darf, aufgrund seines immer noch massiven sozialen Engagements kaum Zeit für Live-Auftritte hat, ist dies nicht weiter verwunderlich.

"Hilfsbereiter Engel"

Dabei hat der Sir aus Dublin seit Mitte der 1980er mit dem etwas schmuddeligen Punk-Image zumindest nach außen hin gar nicht mehr viel zu tun. Stattdessen ist er der Inbegriff des "Rock-Musikers als hilfsbereiter Engel". Wie es dazu kam? Geldof sah im Oktober 1984 durch Zufall eine TV-Dokumentation über die damalige Hungersnot in Äthiopien, die ihn dermaßen erschütterte, dass er zunächst einige Nächte schlaflos war und sich im Anschluss spontan entschloss, etwas dagegen zu unternehmen - etwas Einzigartiges im ganz großen Stil. Geldof komponierte mit dem Musikerkollegen Midge Ure von Ultravox die Hymne "Do They Know It's Christmas?", die ab 28. November 1984 weltweit im Handel erhältlich war.

Innerhalb kürzester Zeit war es ihnen gelungen, Weltstars wie Sting, Paul McCartney, George Michael, Boy George, Queen im Studio zu versammeln. Die Erlöse von etwa 12 Millionen Euro gingen auf direkt zu Stiftungen nach Äthiopien. Geldof und Ure nannten das Projekt "Band Aid".

Damit nicht genug: Aufgrund des immensen öffentlichen Zuspruchs, den "Band Aid" erfuhr, organisierte Bob Geldof für den 13. Juli 1985 ein gewaltiges Benefizkonzert namens "Live Aid". Es sollte das bis dahin größte Rockkonzert der Geschichte werden, fand parallel im Londoner Wembley-Stadion wie im John-F.- Kennedy-Stadium in Philadelphia statt.

16 Stunden lang traten abwechselnd unter anderem David Bowie, Elton John, Mick Jagger und Bob Dylan auf. Dieses Mal kamen über 100 Millionen Euro zusammen. "Ich weiß, dass sich dieses Spektakel 2015 zum 30. Mal jährt", meint Geldof etwas matt dazu. "Doch es ist absolut alles darüber erzählt. Was soll ich ergänzend sagen? Außerdem habe ich seither noch einige andere karitative Unternehmungen absolviert. Das Ganze ist ein Teil meines Daseins, das muss nicht an die große Glocke gehängt werden. Es ist wichtig, so etwas zu machen, um die Welt ein bisschen gerechter zu gestalten. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr."

Sie starteten Ihre musikalische Karriere 1975 in Dublin mit der Band The Nightlife Thugs, die deftigen Rhythm & Blues spielte, ein Jahr später siedelten sämtliche Crewmitglieder nach London über, man nannte sich Boomtown Rats und fühlte sich Ska und Punk verpflichtet. Wie kam es zum radikalen Stil-Wechsel?

Bob Geldof: Als so radikal empfand ich den gar nicht. Zunächst mal waren wir in der Gruppe allesamt musikalische Kinder der 1960er. Und wir waren Engländer. Demnach standen wir auf Blues, wie unsere Idole. Das waren die schwarzen Originale wie Muddy Waters und John Lee Hooker. Oder ihre weißen britischen Epigonen wie die Rolling Stones und The Who. Weil die unsere Helden waren, spielten wir Blues-infiziertes Zeug. 1976 kam noch eine fette Prise Punk dazu, weil wir diesen pompösen Progressive Rock-Shit von Bands wie Genesis, Yes oder Emerson, Lake & Palmer hassten. Punk machte gegen diesen aufgeblasenen Müll eine eindeutige Ansage. Wir von den Boomtown Rats steckten in der Szene voller Begeisterung mittendrin.

Wer waren 1976 die Haupt-Inspirationsquellen Ihrer Band?

Geldof: Natürlich die Sex Pistols, denn die waren die Pioniere des Ganzen. Und auch die Pub-Rocker von Dr. Feelgood. Speziell ohne deren direkten, un-glamourösen Sound hätte es Punk - und dadurch auch die Boomtown Rats - nie gegeben.

Für viele Menschen sind die Boomtown Rats ein One-Hit-Wonder, basierend auf dem Nummer-1-Hit "I Don't Like Mondays", was Unsinn ist, da diese Band viel mehr Hits hatte. Trotzdem: Erinnern Sie sich noch daran, wie der Text zu diesem Klassiker entstanden ist?

Geldof: Im Januar 1979 hat eine 16-jährige amerikanische Schülerin in San Diego einen Schulleiter und einen Hausmeister mit einem Gewehr getötet. Sie saß in ihrem Schlafzimmer und ballerte auf ihre Schule, die genau gegenüber des Hauses ihrer Eltern lag. Während der Schießerei wurde sie von einem Journalisten zu Hause angerufen, der das Mädchen fragte: "Warum tust du das?" Sie antwortete lediglich gelangweilt: "I don't like Mondays". Die Situation war dermaßen bizarr, darüber musste ich einfach etwas schreiben.

Woher haben Sie ansonsten Inspiration für die Texte bezogen?

Geldof: Im Normalfall war ich beim Schreiben frustriert - über die politische Situation in der Welt, über mein Privatleben, solche Dinge. Klar gab es Ausnahmen, also leidenschaftliche Liebeslieder, wenn ich frisch verknallt war. Doch die waren eher selten. Die anderen "Rats"- hatten übrigens keine Ahnung, wovon ich sang. Das bewies sich, als ich einmal auf der Bühne ohnmächtig wurde und dadurch nicht weitersingen konnte. (lacht) Keiner von den Anderen war in der Lage, meinen Text-Part zu übernehmen.

Warum haben Sie und die anderen von den Boomtown Rats 2013 beschlossen, die Gruppe wieder ins Leben zu rufen?

Geldof: Die Wut auf viele Dinge in der Gesellschaft, die wir in den 1970ern und 1980ern verkörpert haben, steckt ungebrochen in uns. Es gibt die Formation heute übrigens nicht wieder, weil wir in Nostalgie versinken würden, von wegen "gute alte Zeiten". Sondern weil wir genauso viel Biss haben wie vor 30 oder 40 Jahren. Man soll und darf uns unbedingt ernst nehmen.

Sie sind demnach überzeugt davon, dass die Boomtown Rats und ihre Songs auch heute noch Relevanz haben?

Geldof: Ganz ehrlich: Manche Stücke klingen 2015 so, als wären sie gerade gestern entstanden. Musikalisch wie textlich.

Dieses Jahr hat "Live Aid" sein 30-jähriges Jubiläum. Welchen Stellenwert geben Sie persönlich dieser Veranstaltung rückblickend?

Geldof: Natürlich war das einer der Höhepunkte meines Lebens. Doch diese Nummer möchte ich nicht ewig ausschlachten. Ich bin stolz darauf, die Sache organisiert und damit vielleicht ein paar Menschen das Leben gerettet zu haben.

Ist es nicht interessant, dass ein Punk von einst sich heute "Sir" nennen darf und seit Jahrzehnten sozial stark engagiert ist?

Geldof: Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie als "Punk" bezeichnet, obwohl ich mich mit den Grundwerten dieser Bewegung, ihrer Attitüde, prima identifizieren kann. Sogar im Laufe der Jahre mehr und mehr, denn Punk steht in meinen Augen für Zusammenhalt, für Andersartigkeit, für Ungewöhnlich-Sein. Das sind die Eckpfeiler dieser Szene. Und genau das sind auch die Eckpfeiler meines Daseins, bis heute - sei ungewöhnlich, sei eine Persönlichkeit!

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Bob Geldof und die Boomtown Rats spielen am Mittwoch, 27. Mai in München im "Backstage". Karten gibt es beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unterTelefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0
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