Sprache bringt das Spiel zum Schwingen

Zweigeteilt ist die Bühne: Ins Altersheim hineingezwungen ist der Fernsehraum, der die medial vermittelte Welt repräsentiert und so die Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Wahrheit formuliert. Bild: Kohnen
Kultur BY
Bayern
27.07.2015
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Die Oberpfalz, aufgehoben im Schoß der Weltliteratur: Werner Fritsch führt bei "LuisenburgXtra" vor, wie eigenes Erleben in großen Sprachbildern ausbuchstabiert werden kann.

Ein Höllensturz, das kann alles sein: Ein Fall in die Hölle hinein. Oder aus ihr heraus, zurück in die Welt. Wer weiß das schon? Wie man überhaupt der Sprache in diesem vor rund 20 Jahren entstandenen "Lustspiel" (oha!) "Es gibt keine Sünde im Süden des Herzens", das eben diesen "Höllensturz" im Untertitel führt, nicht trauen darf.

Verwirrende Klänge

Was haben die Altersheimbewohner da grad gesagt? Die Turtel zum Wenzel? Und was hat der um sie Herumscharwenzelnde verstanden? Reinen Klang, jeder Semantik enthoben? Und wie kam's an, beim Häcksler? Beim Dritten im Bunde? War's "Barmherzigkeit" oder "Warmherzigkeit"? "Augenglücklich" oder "augenblicklich"? "Aufgezeichnet" oder "ausgezeichnet"? "Lungenkuss"? "Zungenkuss"? Sendeschluss!

Die Sprache (vorweg sei's gesagt), mit der Werner Fritsch, der Autor von der Hendlmühle (die wiederum nur einen Steinwurf weit von Wondreb, einem Ortsteil von Tirschenreuth, entfernt ist), seinen Figuren Leben einhaucht, sie ist oft nur Makulatur. Aber: Sie eröffnet das Spiel und bringt es zum Schwingen. Bringt die Luft des als Spielort prädestinierten Spitalhofes im Fichtelgebirgsmuseum zum Klingen. Bloß: Wenn es um Verlässlichkeit geht und um Bedeutung, dann ist sie durchlöchertes Plafond, schwankendes Fundament und bloßes Ornament.

Vielleicht hilft ja am besten ein Bild? Das Bild vom Bild. Ein Bild hat einen Rahmen. Diesen bildet hier die Handlung. Und die besteht darin, dass Wenzel (das Verdrehte seiner Figur perfekt simulierend: Gerd Lohmeyer) und der Häcksler (lässt erfreulicherweise jede Sicherung auf der Bühne durchknallen und damit alle Hoffnung fahren: Christian Hoening) wohnen gemeinsam mit der von ihnen umschwärmten Turtel (die Augen vor lauter Träumerei maximal aufgerissen: die grandiose Billie Zöckler) im Altersheim.

Wenzel, das ist jene Figur aus der Fritsch'schen Biographie, die mit dem Romandebüt "Cherubim" 1987 zum gefeierten Stammvater seines Oeuvres wurde. Dieser Knecht war bildungslos-naives Sprachgenie, Weltendeuter und Seher der deutschen Vergangenheit. Ins Spiel kommt er hier als reiner Liebestor. Als Antagonist steht ihm jener, nur "der Häcksler" genannte und alles Extraordinäre verkörpernde, im Elektro-Rollstuhl ewig-kreisende Metzger aus Wiesau gegenüber: Mit schinkenroten Backen von "Auschowitz" sodernd, sich in Gewaltfantasien ergehend - und dabei sexuell ebenso penetrant wie permanent im Zustand totalster Erregung.

Mittendrin die Turtel

Und mittendrin statt nur dabei: die Turtel. Eine die, wie sie mal sagt, gut zu Vögeln ist (klar, die korrekte Orthographie muss hier freiwilliger Selbstkontrolle zum Opfer fallen!) und dabei irritierend-tirilierend die Mannsbilder umgarnt. Freilich ist das nur das Notwendigste vom Inhalt und somit das Äußerste vom Rahmen. Tatsächlich wird fortwährend die Frage nach Wachsen, Keimen, Gedeihen, nach fleischlicher Verlockung, den Möglichkeiten der Liebe und wahrhafter Erlösung erörtert.

Und dementsprechend geht es auch beziehungsweise vor allem um die Vertreibung aus dem Paradies, um eine Aprikose der Erkenntnis, Puffreis als Aphrodisiakum und darum, ob ein Fernseher nur passiv das abbildet, was geschieht, oder selbst aktiv eingreifen kann, ins Leben. Und es kommen noch vor: Ein Priester, eine thailändische Pflegeschwester, ein Gorilla und ein Übersetzer aus der Vogelsprache (allesamt vollmundig-barock von Ferdinand Schmidt-Modrow in Szene gesetzt) sowie eine Schlange und das verstorbene Wurmweib.

Was jetzt in einer so dürren Nacherzählung vielleicht recht beliebig und auch idiosynkratisch klingen mag, funktioniert aber nicht nur in dieser furiosen Inszenierung von Regisseurin Steffi Baier (die sich in bester erkenntnisfördernder Weise auch dem Klamauk verpflichtet fühlt), sondern bereits als Stück: Weil die Sprache die Wirkung von edlen Intarsien und schillernden Farbklecksen entfacht und gerade aus der partiellen Sinnverweigerung, der Dialektik von Sagen und Verstehen, Strahlkraft schöpft und vor allem auch: Witz.

Überhaupt: Die Oberpfalz und ihren Dialekt aufgehoben zu wissen im Schoß der Weltliteratur, getragen von biblischer Metaphernwucht, Grimm'schem Ton und den Errungenschaften des barocken Mysterienspiels, das alles entfacht am Ende dann doch ein großes Potenzial an Trost. Der stürmische Applaus des Premierenpublikums jedenfalls verlieh dem großen, herzlichen Einverständnis seinen eindeutigen und weit über Wunsiedel erklingenden Ausdruck!
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