Sterbenskomische Sticheleien vor der letzten Reise

Kathryn (Adeline Schebesch) und ihr Mann Colin (Pius Maria Cüppers) proben ihre Einsätze für das Theaterstück "Halbe Wahrheiten". Kathryn: "Das sind keine Lücken. Das sind Pausen an den Stellen, wo die Lacher kommen. Hoffentlich jedenfalls. Irgendwann." Foto: Marion Bührle
Kultur BY
Bayern
23.02.2015
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Und George? Er genießt und schweigt. Was kann ihm auch Besseres passieren: Alle reden von ihm. Alle haben ein mehr oder weniger gutes Verhältnis zu ihm. Alle buhlen um seine Gunst. Nur: Zu sehen oder zu hören ist er während des Stücks nicht.

Ab und zu erklingt ein Led-Zeppelin-Klassiker aus dem Off, um anzudeuten: George ist immer noch der Alte oder besser gesagt der ewig Junge, der Frauen heute wie einst den Kopf zu verdrehen weiß.

Doppeldeutig

Das 74. Stück des englischen Erfolgsautors Alan Ayckbourn, "Alle lieben George", schöpft aus dem prallen Leben. Drei Paare, allesamt in kriselnden Beziehungen, geraten ins Schlingern, als sie erfahren, dass der gemeinsame Freund George Krebs hat. Der Brite mit dem heiter-bösen Blick fasziniert dabei mit Sätzen, die unterschwellig und leise daherkommen, um dann umso kräftiger einzuschlagen. Sein illustres Spiel mit Doppeldeutigkeiten und Subtexten bringt die Phantasie des Publikums prächtig in Fahrt.

Günter Hellweg schneidert in Nürnberg mit seinen Kostümen Charaktere: von den plakativ gewöhnlichen Anzügen des Arztes Colin über die einfach gestrickteren Gewänder der Bauersfrau Monica (Elke Wollmann) bis hin zum aufgedonnerten und erotisch prickelnden Outfit der ehemaligen Kosmetikerin Tamsin (Josephine Köhler). Mit ihren farbig aufgepeppten Stöckelschuhen bleibt sie in Wiesen und Beeten stecken, ihre bissigen Kommentare aber kommen nicht ins Stocken. Fantastisch, was dieses Ensemble aus den unterschiedlichen Rollen herausholt. Da knistern kleine Feuer der Emotionen, und es wird mit scharfen Satire-Salven geschossen.

Pius Maria Cüppers (der als Uhren-Sammler Colin stets akkurat "tickt") und Adeline Schebesch (Kathryn), die im normalen Leben wohl niemals als Paar durchgehen würden, agieren, als hätten sie schon etliche anstrengende Ehejahre auf den Buckeln.

Mit all den ironischen aber liebevollen Sticheleien, die man aus lange währenden Partnerschaften kennt: Ihre verbalen Spitzen wirken für "Außenstehende" verletzend, sind aber durchaus authentisch, sympathisch und zutiefst menschlich. Um George vor seiner letzten Reise ins Jenseits noch ein paar fröhlich Monate zu bereiten, begeistert man ihn für die Schauspielerei.

Auf dem Programm steht, witzigerweise, das Frühwerk von Alan Ayckbourn "Halbe Wahrheiten". Theater im Theater - eine witzige Idee! "Warum George? Als Erstes trifft es immer Menschen, die voller Leben sind. Die Arschlöcher dagegen sterben nie", resümiert der sonst so abgeklärte Geschäftsmann Jack (ein blendender Michael Hochstrasser). Nachdem George jedoch mit seiner 16-jährigen Tochter nach Teneriffa verschwindet, ändern sich auch diese Maßstäbe.

Böse und komisch

Ayckbourns schwarze Komödie ist bitterböse und sterbenskomisch zugleich. Schauspieldirektor Klaus Kusenberg, der sie als deutsche Erstaufführung inszeniert, lässt den brodelnden Mix aus Konversationswitz, Situationskomik und Galgenhumor gekonnt zur Geltung kommen. Langeweile kommt da nicht auf. Das Publikum fiebert stets mit und darf nicht nur in den "vorgesehenen Sprechpausen" herzhaft lachen. Letztlich geht es um die Frage, ob Männer und Frauen wirklich zusammenpassen, denn: Die einen können nicht zuhören, die anderen vergnügen sich im Zickenkrieg. Und George? Er liegt im Grab, genießt, dass sich wieder einmal alles nur um ihn dreht - und schweigt.
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