Sudetendeutscher Leuchtturm

Wo in München in der Hochstraße jetzt noch das Restaurant (Flachbau links) an das Sudetendeutsche Haus grenzt, soll ein Sudetendeutsches Museum (Entwurf rechts) entstehen. Mit dem Bau könnte noch Ende 2015 begonnen werden, 2018 soll das Museum fertiggestellt sein. Bild: dpa
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Bayern
04.03.2015
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Nur einen Koffer voller Habseligkeiten durften die Sudetendeutschen bei ihrer Vertreibung mitnehmen. Viele ihrer Erinnerungsstücke werden ab 2018 in München zu sehen sein. Ein neues Museum arbeitet die Geschichte auf.

Mehr als 20 Jahre lang hat die Sudetendeutsche Stiftung auf dieses Ziel hingearbeitet: ein eigenes Museum. Im Herbst sollen nun die Bagger anrollen. Ein 30-Millionen-Euro-Neubau ist direkt neben dem Haus der Stiftung in München geplant. Ein "Leuchtturm-Projekt" nennt es das bayerische Sozialministerium. 2018 soll das Museum eröffnet werden. Besucher können dort dann der bewegten Geschichte der Sudetendeutschen nachspüren - vom Mittelalter über die Vertreibung bis in die Gegenwart.

Image aufpolieren

Das Museum soll keine "bewahrende Heimatstube" werden, meint Stiftungsvorsitzender Franz Pany. "Wir wollen ja nicht für 30 Millionen Euro einen Bau hinstellen, und dann kommt keiner." Die neue Einrichtung könne mit manchem Irrglauben aufräumen und das angestaubte Image der Sudetendeutschen Vereinigungen aufpolieren. Auf knapp 1200 Quadratmetern wird eine Dauerausstellung über Alltag, Wirtschaft, Religion und Kultur der Deutschen aus den böhmischen Ländern informieren, wie Projektleiterin Elisabeth Fendl ankündigt. Drei Abteilungen sind geplant: "Heimat!"zur Geschichte und Kultur der böhmischen Länder, "Verlust - Ende der Selbstverständlichkeiten" zu Nationalismen, Nationalsozialismus, Flucht und Vertreibung sowie "Heimat?"zur Geschichte der Sudetendeutschen nach 1945.

Das Museum soll eine breite Zielgruppe ansprechen und auch solche Besucher anlocken, die keine böhmischen oder mährischen Wurzeln haben. Zwei Drittel der Kosten trägt der Freistaat, ein Drittel kommt vom Bund. Schirmherrin des Projektes ist Sozialministerin Emilia Müller (CSU).

Ein zentrales Museum der Sudetendeutschen gibt es noch nicht. Das Projekt schließe daher eine Lücke, meint die Gründungsbeauftragte Elisabeth Fendl. Andere Vertriebenengruppen haben bereits eigene Museen: das Schlesische Museum in Görlitz, das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg, das Westpreußische Landesmuseum in Warendorf, das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm, das Siebenbürgische Museum in Gundelsheim sowie das Pommersche Landesmuseum in Greifswald.

In einem Depot sammeln die Organisatoren seit mehr als 20 Jahren museales Gut. Gerade bei einem Generationenwechsel häuften sich die Sachspenden, sagt Fendl. Etwa bei Wohnungsauflösungen fänden sich immer wieder Erinnerungsstücke sudetendeutscher Vorfahren. "Viele Nachkommen fangen dann an, sich mit der Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern zu befassen."

Meist Alltägliches

Bei der Vertreibung konnten die Menschen nicht viel Gepäck mitnehmen. Entsprechend fallen die archivierten Gegenstände aus: kaum Möbel, viele Kleidungsstücke. Auch Tischwäsche, Gläser, Münzen, Gebetbücher und Schriftstücke. Was packt jemand ein, der vertrieben wird? In Fluchtkoffern befanden sich meist alltägliche Dinge wie Decken, Kleidung, Teller, Gläser und Bettwäsche, aber auch Fotos, Zeugnisse und Dokumente. Frauen versuchten oft, ihre Nähmaschine mitzunehmen, Männer das Handwerkszeug.

An Hörstationen werden die Besucher Zeitzeugen-Berichte abrufen können. Manche Erinnerungen der Sudetendeutschen werden von Generation zu Generation weitergetragen. Oft sind es kleine, emotionale Erlebnisse: Etwa der Abschied von den Tieren im Stall, die dem Nachbarn überlassen wurden, oder vom Haushund, der seiner flüchtenden Familie noch eine Weile hinterher lief.
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