Suhrkamp-Verlag will Münchener Inszenierung von Brecht-Stück verbieten
"Baal" soll nicht in den Vietnam-Krieg ziehen

Die Schauspieler (von links) Jürgen Stössinger, Aurel Manthei, Katharina Pichler und Bibiana Beglau proben im Residenztheater in München das Brecht-Stück "Baal". Bild: Matthias Horn/Residenztheater München/dpa
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Bayern
03.02.2015
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Der Suhrkamp Verlag will die Münchner "Baal"-Inszenierung von Regisseur Frank Castorfs verbieten lassen. Eine Sprecherin bestätigte am Montag, dass der Verlag als Vertreter der Brecht-Erben beim Landgericht München eine einstweilige Verfügung gegen die Inszenierung des Skandal-Regisseurs beantragt hat. Die Begründung: Bei Castorfs Interpretation am Münchner Residenztheater handle es sich "um eine nicht-autorisierte Bearbeitung des Stückes von Bertolt Brecht".

Rauschhafte Geschichte

Castorf erzählt eine rauschhafte Geschichte vor der Kulisse diverser Kriege in Fernost. Für seinen grotesken, alles andere als gradlinig erzählten "Baal", den nach Theaterangaben bislang knapp 1700 Zuschauer gesehen haben, fügte er auch noch Texte unter anderem von Arthur Rimbaud in Brechts Original ein. Den Brecht-Erben geht das viel zu weit.

In der Produktion, die am 15. Januar Premiere hatte, würden viele Fremdtexte verwendet, "die Werkeinheit wird aufgelöst", bemängelte der Verlag. Absprachen habe es vorher nicht gegeben. "Dies verletzt das Urheberrecht und ist durch den mit der Bühne geschlossenen Aufführungsvertrag nicht gedeckt", kritisiert Suhrkamp. Das Landgericht wollte sich nicht äußern. Nach Verlagsangaben wird eine Entscheidung über die einstweilige Verfügung aber noch in dieser Woche erwartet.

Regisseur Castorf, der seinerseits als "Ring des Nibelungen"-Regisseur auf dem Grünen Hügel von Bayreuth auch schon mit einstweiliger Verfügung drohte, nannte Suhrkamps Vorgehen "gestrig und albern". "Die kennen mich doch und wissen, was da rauskommt", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Im Übrigen sei das "Originalgenie Rimbaud", denn: "Von dem hat Brecht ja das meiste geklaut." "Wenn man weiß, dass ein Stück von Frank Castorf inszeniert werden soll, muss man damit rechnen, dass am Stück etwas verändert wird", sagte der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin. Eine rigorose Haltung, dass an Theaterstücken nichts verändert werden dürfe, ergebe sich weder aus dem Urheberrechtsgesetz noch werde sie dem deutschen Regietheater von heute gerecht. "Ob da in diesem Fall eine Grenze überschritten wurde, kann ich aber nicht beurteilen." Jedenfalls sollte der Zuschauer möglichst nicht durch eine einstweilige Verfügung daran gehindert werden, sich die Aufführung anzusehen.

Regelmäßig hätten die Erben das Urheberrecht allerdings auf ihrer Seite, sagte der Dramaturg und Theaterjurist Rolf Hemke vom Theater an der Ruhr in Mühlheim. "Das Urheberrecht ist da relativ strikt und klar." Im deutschen Regietheater sei es aber an der Tagesordnung, dass Regisseure sich dort relativ schrankenlos austoben und Texte ungestraft verändern könnten. Die Freiheit des Regisseurs werde meistens stillschweigend akzeptiert und die Verlage "drücken beide Augen zu".

"Außerordentlich irritiert"

Der Intendant des Residenztheaters, Martin Kusej, zeigte sich "außerordentlich irritiert" über das Vorgehen des Suhrkamp-Verlages, das er "völlig unverständlich" nannte. Er betonte: "Die Inszenierung nicht mehr zeigen zu dürfen, würde für uns die Preisgabe einer künstlerisch furiosen Arbeit bedeuten." Unterstützung kam am Montag aus Berlin. Der umstrittene "Baal" ist nämlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden. Die Berliner Festspiele bescheinigten der Inszenierung eine "Reflexion über die menschgemachte Apokalypse und die Aktualität von geistigem Kolonialismus".
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