Theater in Nürnberg
Premiere von Roland Schimmelpfennigs Stück "Wintersonnenwende"

Hauptsächlich die starken Dialoge der Schauspieler (von links: Stefan Willi Wang, Julia Bartolome, Heimo Essl und Daniel Scholz) überzeugen bei Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende". Bild: Bührle
Kultur BY
Bayern
23.12.2015
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Nürnberg. Ein Ehepaar lädt ein anderes ein. Der Haussegen hängt schief. Die Mutter trifft ein, um mit der Tochter mehr oder weniger konfliktfrei die Weihnachtsfeiertage zu verbringen. Im Zug lernte sie einen Mann kennen, der an diesem Abend des 23. Dezembers plötzlich vor der Tür steht.

Viele Stücke fielen einem ein, die dieses Thema immer wieder von neuem intonieren. Vielleicht hat Roland Schimmelpfennig bei seinem bitterbösen Psychogramm "Wintersonnenwende" deshalb noch eins draufgesetzt: mit dem Fremden nistet sich das rechtskonservative Böse mit ein ins traute Heim. Die eine Seite, die Darstellung der verwirrenden Familienkonstellation, gelingt unter der Regie von Schirin Khodadadian hervorragend.

In ihrem kärglich ausgestatteten und klinisch-reinem Wohnzimmer tummeln sich die üblichen Intellektuellen. Albert (Daniel Scholz) schreibt Bücher zu Themen wie "Weihnachten in Auschwitz", die keiner lesen will. Bettina (Julia Bartolome) dreht Filme, die niemand kaufen will. Der Hausfreund und Maler Konrad (Stefan Willi Wang) wiederum malt Bilder, die Titel tragen wie "Der Kampf", aber kaum Käufer finden.

Oft nur Andeutungen


Da wird gestritten und gesoffen. Aber schon hier zeigt sich, dass viele Andeutungen nebulös bleiben. Alberts sich steigernder Tablettenkonsum wird eingeführt, spielt aber irgendwann keine Rolle mehr. Die Idee, dass Regieanweisungen und sogar Gedanken der Figuren tatsächlich gesprochen werden, ist genial und verlangt von den Schauspielern hohe Konzentration ab.

Schon früh äußert Albert seinen Verdacht, dass mit dem Fremden etwas "nicht stimmt". Warum das so ist, wird aber nicht explizit klar. Als er den über Wagner und alte Werte wie Stolz und Anstand schwadronierenden Rudolph dann endlich vor die Tür setzt, muss Schimmelpfennig ihn schon lautstark schimpfen lassen: "Was glaubst du eigentlich, du, Saujude, du ...", damit auch der letzte Zuschauer kapiert: Das ist ja ein Nazi.

Und: Hier wird gezeigt, wie blind die Gesellschaft auf dem rechten Auge ist. In erster Linie ist und bleibt Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" also ein gut gemeintes Konversationsstück, bei dem klasse Schauspieler simple, aber böse Kommentare sprechen. Die rechtsradikale Wendung aber wirkt aufgesetzt und künstlich, so wie der Tannenbaum, der in einer Szene aus Einzelteilen zusammengesetzt wird.

Zu wenig Tiefe


Schade, dass der "Nazi aus Paraguay" so blass bleibt, das Thema an sich wäre wichtiger denn je. Liegt es an der Kürze der Aufführung? Sind 100 Minuten zu wenig, um in die Tiefe zu gehen? Oder wir merken es tatsächlich nicht mehr, wenn das Böse zu Hause Platz nimmt. Den Premierenbesuchern scheint es zu gefallen - langer Applaus beendet die Aufführung.
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