Theaterstück "Terror" in Nürnberg
Anschlag auf gewohnte Denkmuster

Hat sich Major Koch schuldig gemacht? Mit eindringlichen Argumenten erläutert der Kampfpilot im Stück "Terror" dem Gericht, warum er das Flugzeug mit 164 Insassen abgeschossen hat - um das Leben von 70 000 Menschen zu retten. Im Bild: Martin Bruchmann und Josephine Köhler. Bild: Marion Bührle
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Bayern
16.02.2016
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Wie würden Sie entscheiden? Darf man ein von Terroristen entführtes Flugzeug abschießen, das in ein voll besetztes Fußballstadion geflogen werden soll? Sind 164 Passagiere gegen 70 000 Fans aufzuwiegen? Major Lars Koch, Kampfpilot der Bundeswehr, hat sich für den Abschuss entschieden und damit gegen die Befehle seiner Vorgesetzten.

Nürnberg. Nun ist Koch des Mordes angeklagt - und das Publikum des Theaterstücks "Terror" in den Nürnberger Kammerspielen wird am Ende entscheiden, ob er schuldig oder unschuldig ist. Der Autor dieser spannenden Gerichtsshow, Ferdinand von Schirach, ist selbst Rechtsanwalt und durch seine Bücher "Verbrechen" und "Schuld" einer breiten Leserschaft bekannt. Der 51-Jährige schreibt über Fälle, die sich nach unseren moralischen Vorstellungen nicht eindeutig entscheiden lassen. Dort wird klar: Die Schuld eines Menschen ist schwer zu wiegen und nur das Recht trennt uns vom Chaos.

Moralisches Dilemma


Sein erstes Theaterstück "Terror", das im Staatstheater Premiere feierte, lädt ein zum Gedankenexperiment und führt in ein moralisches Dilemma, das an Hans Welzels "Weichenstellerfall" aus dem Jahr 1951 erinnert: Darf man den Tod Weniger in Kauf nehmen, um Viele zu retten? Die Qualität von Frank Behnkes Regie basiert auf der kühlen Sachlichkeit seiner Inszenierung. Statt auf Effekthascherei setzt er auf die Wirkkraft der Sprache, auf kleine Gesten und knappe mimische Momente. Der intelligente Text rund um die Zerbrechlichkeit von Demokratie erhält durch die exzellenten Akteure seine Strahlkraft. Staatsanwältin Nelson (Adeline Schebisch als kühle Analytikerin), der Vorsitzende des Gerichts (Heimo Essl mit anwaltschaftlicher Versiertheit), Martin Bruchmann in der Rolle des Angeklagten, dessen Argumente durchaus nachvollziehbar sind und Josephine Köhler, die als Zeugin Franziska Meiser tränenreich vom Ehemann erzählt, der im Flugzeug ums Leben kam - an diesem Abend ist Gänsehaut garantiert.

Hätte das Fußballstadion geräumt werden können? Was wäre, wenn sich die Terroristen doch noch anders entschieden hätten? Wie auch immer, das Urteil des Premieren-Publikums lautet am Ende mit 108 zu 87 Stimmen: Kampfpilot Lars Koch ist schuldig. Da das Stück bis 2017 auf mehr als 20 Bühnen gespielt, werden noch eine Menge Rechtssprüche verkündet. Wie die weiteren Verhandlungen in Nürnberg und anderswo ausgehen, kann man auf der Internetseite "www.kiepenheuer-medien.de/terror" verfolgen.

Moral und Werte


Und das Theaterwerk selbst - wie lautet hier das Urteil? Ferdinand von Schirach spielt geschickt mit Argumenten und fordert die Zuschauer zu gedanklichen Höchstleistungen heraus. Als Geschworene werden sie zu Richtern über Moral und Werte, über Verbrecher- und Heldentum. "Terror" ist ein Anschlag auf gewohnte Denkmuster, ein Lehrstück in Sachen Rechtswissenschaften und ein Beispiel für gelungenes Marketing: Theater als Gesellschaftsspiel - live und im Internet.
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