Trunken vom Gott des Rausches

Kultur BY
Bayern
18.03.2015
3
0

Auslöser für seine kleine, aber kompositorisch groß angelegte Oper war ein Coming-Out. Weit weg von Polen, wo der strenge Katholizismus den Ton angab, bekannte sich Karol Szymanowski zu seiner Homosexualität.

Natürlich nicht in der Heimat, sondern im sonnendurchfluteten Sizilien, wo ihn nicht nur das Meer und die Natur sinnlich überfluteten, sondern sich auch eine Leichtigkeit des Herzens und der Gedanken einstellte. Sein eineinhalbstündiges Werk über "König Roger", den sizilianischen König aus dem Mittelalter, ist also auch ein Stück Biografiearbeit, Befreiung von entsagungsvoller Strenge und fast schon ein philosophischer Diskurs über die Gegensätze von Vernunft und Emotion, Politik und Revolution.

Konflikt greifbar

Die Neuproduktion, die nun unter der musikalischen Leitung des polnischen Dirigenten Jacek Kaspszyk und der Regie von Lorenzo Fioroni im Opernhaus zu sehen ist, gilt als Nürnberger Erstaufführung. Faszinierend ist die schräge Bühne von Paul Zoller, durch die der Konflikt zwischen König Roger und dem unbekannten Hirten den Zuschauern förmlich auf die Pelle rückt.

Die traditionellen Werte kommen symbolisch ins Rutschen, wenn der wandernde Prediger, der sich später als Dionysos outet, nebulös von einem Gott des Rausches schwärmt, von Selbstverwirklichung und unterdrückten Wünschen plaudert und letztlich ein ganzes Volk in den Untergang führt. Anders als bei Szymanowski angelegt, wird in Nürnberg auf homoerotische Momente zwischen dem König und dem fremden Prediger verzichtet. Statt die Selbstbefreiung aus moralischen Fesseln zu thematisieren, versucht Lorenzo Fioroni, aktuelle politische Ereignisse einfließen zu lassen. Er tut dies, indem er zwischen den drei Akten Zitate von Flüchtlingen und Auswanderern auf den Vorhang einblendet.

Die unerwartete Botschaft lautet: Die Sehnsucht nach einem neuen Leben in einem fernen Land erweist sich oft als trügerisch. Immerhin wird dieses Scheitern mit einer beeindruckenden Bühnentechnik in Szene gesetzt: fulminante Rauchwolken wabern über die Bühne, eine Art Schiffsrumpf mit verrosteten Geländern und zerfallenen Flutlichtern geben wenig Halt, da plätschern die Wellen und die Möwen kreischen. Doch nicht nur auf der Bühne, auch im Orchestergraben weiß man mit buntschillernden Klangfarben gewaltige Bilder zu malen. Die Staatsphilharmonie agiert opulent, ohne die Sänger zu übertönen, lässt (vor allem im zweiten Akt) immer wieder orientalische Exotik aufleuchten und kontrastiert das Rauschhafte der Komposition derart, dass sie wie ein Sog in die Musik hineinzieht.

Raffinierte Sogwirkung

Opernchor und Extrachor des Staatstheaters sowie der Nürnberger Jugendchor des Lehrergesangvereins setzen mächtige Akzente. Während David Yim als Hirte in seiner 68er-Kluft fehl am Platz wirkt, präsentieren sich Ekaterina Godovanets (Roxane) und Mikolaj Zalasinski (Roger II.) nicht nur in ihren Rollen, sondern auch stimmlich in Höchstform. Eine anregende Opern-Entdeckung mit bühnentechnischer Raffinesse und musikalischer Sogwirkung.
Weitere Beiträge zu den Themen: Nürnberg (1943)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.