Universalkünstler Herbert Achternbusch wird 75
"Ich mache gar nix mehr"

Kultur BY
Bayern
23.11.2013
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Längere Zeitungsartikel über Herbert Achternbusch beginnen oft mit einer launigen Schilderung, wie schwer der Mann zu erreichen sei. Oft weigere er sich, ans Telefon zu gehen, hänge den Hörer aus, um niemanden sprechen zu müssen. Oder man habe Mühe, ihn überhaupt ausfindig zu machen, weil er sich gerne in sein abgelegenes Anwesen im österreichischen Waldviertel zurückziehe. Doch diesmal geht es ganz schnell. Drei-, viermal klingelt es am anderen Ende der Leitung in der Münchner Wohnung, dann meldet sich eine leise, aber feste Stimme. Es ist Achternbusch, der diesen Samstag 75 Jahre alt wird.

"Seit drei Jahren im Bett"

Wider Erwarten wirkt Achternbusch gar nicht genervt. Was er denn treibe? Ob er an einem neuen Theaterstück arbeite oder einem neuen Buch? Ein Bild male, oder gar noch einen Film drehe? "Nix, gar nix. Ich liege seit drei Jahren im Bett", entgegnet der Filmemacher, Schauspieler, Maler und Dichter. Vor allem in den 70er und 80er Jahren erregte er mit seinen Anarcho-Streifen in CSU- und Kirchenkreisen heftigsten Unmut. Jetzt sei er krank - die Beine. "Ich komme nicht mal mehr die Treppe runter."
Es ist still geworden um den einstigen Provokateur vom Dienst, den Einzelgänger, der die Brüche seines eigenen Lebens, seine Ablehnung bürgerlicher Regeln in mitunter bizarre, kommerziell kaum verwertbare Kunstprodukte umsetzte. Davon zeugen schon die Titel seiner Filme: "Der Neger Erwin" (1981), "Das letzte Loch"(1981), "Heilt Hitler" (1986) oder "I know the way to the Hofbrauhaus" (1991). In "Der Depp" (1982) wird am Ende der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß im Hofbräuhaus vergiftet, was ihm dessen Intimfeindschaft eintrug.

Hassliebe zur Heimat

Leitthemen seiner zahllosen Filme, Bücher und Theaterstücke sind das Spießertum, die "Hitlerei" und immer wieder Bayern, immer wieder München. Wohl niemand, außer vielleicht der geniale Österreich-Hasser Thomas Bernhard, konnte seinen Heimatekel, der immer auch eine verkappte Heimatliebe war, so zelebrieren wie Achternbusch. "Ich mag in Bayern nicht einmal mehr gestorben sein", lautet ein Satz.
Trotzdem blieb er der Stadt treu, feierte in München seine größten Erfolge, etwa unter dem ihm gewogenen Intendanten Dieter Dorn an den Kammerspielen. Was er immer am liebsten gemacht habe? "Gemalt", lautet die überraschende Antwort. Aber auch dazu komme er jetzt mehr. "Ich mache gar nix mehr", sagt er. "Ich geh nur noch zum Essen und zum Sch..." Ob er darunter leide, dass seine künstlerische Produktion erlahmt sei? "Erlahmt?", fragt Achternbusch, durchaus nicht pikiert. "Man kann auch sagen: vollendet."
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