Unter die Gürtellinie
Musicals „Kiss Me Kate“ in Nürnberg: Anzüglich und flache Witze

Sophie Berner und Christian Alexander Müller geben ein vokalstarkes Hiebes- und Liebespärchen. Bild: Jutta Missbach
Kultur BY
Bayern
19.02.2016
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Die Premiere des Musicals "Kiss Me Kate" in Nürnberg war etwas zu heiß. Der Text, gespickt mit Anzüglichkeiten und flachen Witzen, enttäuscht. Das konnten die tänzerischen und musikalische Höhenflüge auch nicht mehr ganz herausreißen.

Nürnberg. Es ist bekanntlich viel "zu heiß" in Cole Porters "Kiss Me Kate", um davon kalt gelassen zu werden. Doch bei der Premiere im Opernhaus mag der Funke nicht so recht zünden. Dem Komponisten ging es einst nicht anders. Auch Porter war von der Idee, Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" in ein Musical zu verwandeln, nicht unbedingt begeistert. Shakespeare ist nichts für den Broadway, meinte er, weil der Stoff zu intellektuell sei. Zumindest diesen Vorwurf kann man der Nürnberger Version nicht machen.

Gequälte Sexismen


Befremdlich wirken die gequälten Sexismen in der Neufassung von Peter Lund. Sie gehen über den Originaltext weit hinaus. Dass Shakespeares "Zähmung" und Unterwerfung der Frau nicht unbedingt dem Stand aktueller Gender-Diskussion entspricht, ist klar. Hier wird das aber mit anzüglichen Anspielungen auf die Spitze getrieben. Ständig greift sich jemand in den Schritt, kopuliert oder reißt flache Witze, die nicht auf's Hirn, sondern unter die Gürtellinie zielen. Barbie-Mann Ken wird sogar mit Kettensäge um ein Glied ärmer gemacht. Da können selbst Martin Rassau und Volker Heißmann, die als Gauner-Duo ihre Knarren und so manchen Humor-Joker ziehen, das Abdriften nicht mehr verhindern.

Die Erwartungen waren groß: Der österreichische Regisseur Thomas Enzinger erntete für seine "My Fair Lady"- und "Weiße Rössl"-Inszenierungen eine Menge fränkischen Applaus. Christian Alexander Müller, der den finanziell unter Druck stehenden Fred Graham verkörpert, zählt zu den gefragtesten Musical-Darstellern der Republik. Und Sophie Berner, in der Rolle von Freds Ex-Geliebten Lilli Vanessi, gilt bereits als neue Liza Minelli. Beide beweisen an diesem Abend gesanglich und spielerisch Weltklasse-Niveau.

Alle Füße voll zu tun


Von hoher Qualität sind die tänzerischen und musikalischen Momente. Dirigent Volker Hiemeyer dreht mit seiner Orchester Big-Band richtig auf, malt mit lateinamerikanischen Farben und nimmt mit Songs wie "Schlag nach bei Shakespeare" oder "Wunderbar" die Deutsche Operette in beschwingter Walzer-Manier auf die Schippe. Tänzer und Tänzerinnen haben alle Füße voll zu tun. Ein szenisches Schlagzeug auf der Bühne begleitet akustisch die Bewegungen der Personen. So gewinnt das Ganze dann doch noch eine Menge Drive.
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