Uraufführung der Oper "South Pole" in der Münchner Staatsoper
Hitzewellen unter dem Eis

Rolando Villazón (links) als Robert Falcon Scott und Thomas Hampson als Roald Amundsen sind die Gegenspieler bei der Oper "South Pole". Die Premiere am Sonntag begeisterte das Publikum. Bild: dpa
Kultur BY
Bayern
02.02.2016
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München. Schneeweiß ist die einzige Farbe, auf die die Bühne reduziert ist, im Schnittpunkt der Flächensektoren ein schwarzes Kreuz für den Südpol. Welches Expeditionsteam wird ihn zuerst erreichen? Das Team von Scott oder Amundsen oder keines? Natürlich sind die Fakten bekannt und durch die Optik sofort verortbar.

Scott und die Seinen in schwarzer, glatter Montur fortschrittlich, Amundsens Mannschaft signalisiert in weiß-schwarz getigerten Fell-Anzügen adäquate Vorbereitung und animalische Kraft. Scott muss mit seinen Ponys und seiner technischen Ausstattung scheitern. Der Motorschlitten gibt schnell den Geist auf. Auch wenn Scott die Hunde schlachten muss, Amundsen führt mit dem Instinkt des Siegers.

Kampf mit den Dämonen


Dank Miroslav Srnkas vielschichtiger Musik, Tom Holloways doppelbödigen Librettos und Hans Neuenfels' exzellenter Inszenierung wird "South Pole" zur Parabel unterschiedlicher Erfolgsphilosophien, zur Metapher im Kampf mit den inneren Dämonen, nicht zuletzt zum Traum-Labor der Liebe. Der Ehrgeiz, den letzten weißen Fleck der Erde zu erobern, enthüllt sich als Surrogat misslungener Liebesbeziehungen.

In halluzinogenen Traumata erscheinen Kathleen Scott, von Tara Erraught mit großbürgerlicher Aura souverän interpretiert, und die verlassene Geliebte Amundsens, von Mocja Erdmanns verloren im Weißen als unschuldiges Mädchen dargestellt. Tara Erraughts sattes, warmes Timbre überstrahlt von den flirrenden Höhen Mocja Erdmanns, zart wie Sonnenlicht, beide entfachen im Eis die Hitze der Leidenschaft, im Quartett eine telepathisch anmutende Harmonie.

Die beiden Erzählstränge werden synchron auf der Bühne gespielt, raffiniert ausgeleuchtet, im zeitlichen Wettlauf extrem spannend und fiktiv verändert. Amundsen verfehlt den Südpol um wenige Grade, Scott markiert ihn perfekt. "Ihm gehört der Südpol", ehrt Amundsen am Schluss, von den Erfahrungen der Expedition geläutert, das Gedenken an den toten Scott. Mit Thomas Hampson gewinnt Amundsen auch gesanglich Oberwasser.

Großes Potenzial


Sein voluminöser Tenor beherrscht sein Team in jeder Beziehung. Er ist diktatorischer Macher, zielorientiert, krankhaft ehrgeizig. Rolando Villazón kristallisiert den Teamplayer in Scott heraus, mitfühlend, zunächst ohne stimmliche Markanz, die sich langsam steigert, wobei die Mikrofonverstärkung im Gegensatz zu Hampson wahrnehmbar wird. Unter dem sensiblen Dirigat von Kirill Petrenko kommt Miroslav Srnkas Partitur als rhythmisch expressiver Puls der Expedition subtil zum Ausdruck.

Eis, Sturm, Kampf, Ehrgeiz, Zuversicht und Verzweiflung werden simultan in komplexen Überlagerungen in immer neuen Klangfarben hörbar. Töne klirren, surren, poetisieren, dissonieren, türmen sich zu monumentalen Klangbergen, vereisen und verklingen. "South Pole" hätte das Potenzial, das Repertoire anderer Opernhäuser aufzubrechen.
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