Verdis "Un ballo in Maschera" an der Staatsoper München begeistert nur teilweise
Opern-Hitchcock ohne Schrecken

Die Sänger Anja Harteros (Amelia) und George Petean (Renato) glänzen bei der Aufführung von "Un ballo in Maschera" in München. Bild: Wilfried Hösl/Staatsoper München
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Bayern
08.03.2016
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Verdis "Un ballo in Maschera" an der Staatsoper München begeistert nur in Teilbereichen. Während die Sänger Hörgenuss und Schauspielkunst beweisen, ist die Inszenierung eine wenig leidenschaftliche Kostümshow.

Von Michaela Schabel

München. Grandios ist zweifelsohne der Beginn. Walzerpaare in Schwarz-Weiß, auf weißem Gazevorhang gigantisch groß projiziert erinnern an einen Belle-Epoche-Stummfilm, Film Noir und Hitchcock. Abgesehen von wenigen Farbnuancen ganz in Schwarz-Weiß will Regisseur Johannes Erath die oszillierende Spannung zwischen Leidenschaft und Meuchelmord intensivieren. Riccardo wälzt sich im Doppelbett. Eine Blondine lehnt sich aufreizend über dem Bett zurück und zielt mit der Pistole. Der Walzer verlangsamt sich auf Begräbnistempo. Damit ist alles gesagt, was in zweieinhalb Stunden an langatmigem Libretto folgt.

Blasses Melodram


Der Herrscher, ursprünglich gezeichnet und getitelt nach dem beliebten schwedischen König "Gustav III", wurde als lebensfroher "Theaterkönig" mit bisexueller Libido tatsächlich in der Oper ermordet. Nach ihm eine Oper zu benennen war in Zeiten des Risorgimento unmöglich. So machte Verdi aus dem König einen US-Gouverneur und aus einem sozialkritischen Stück um die Freiheit der Liebe das blasse Melodram "Un ballo in Maschera" (1859).

Regisseur Johannes Erath geht noch einen Schritt weiter und macht aus Verdis Riccardo einen eindimensionalem König der Liebe mit Wohnort Bett im Ambiente einer bombastischen Wendeltreppe, auf der die Damen hollywoodmäßig zur Wirkung kommen und dazwischen alptraumhafte Schatteneffekte Raum finden. Doch die Optik bleibt dekorative Bebilderung, ohne psychotische Schreckmomente á la Hitchcock, weil man ohnehin schon weiß, wie es ausgehen wird, da der tote Riccardo die ganze Zeit an der Decke gespiegelt wird. Weder die Doppelgänger als Marionetten oder Livedouble, noch Amalies Versteck hinter dem Vorhang statt hinter einem Schleier ist originell. Der Maskenball degradiert zu einer pompös erstarrten, entsinnlichten Kostümshow als weiteres Dekorationsdetail ohne Tiefgang.

Rasante Leidenschaft fehlt


Dazu kommt noch, dass Zubin Methas sehr getragenes, lyrisch zurückhaltendes Dirigat kaum Spannung aufbaut. Zwar wurde am Premierenabend immer wieder freudvoll energische Präsenz und die wunderbare Zusammenarbeit mit ihm gepriesen, entsprechend beeindruckend sind die Tuttis, die Perfektion des Chores, der Klang des Bayerischen Staatsorchesters. Die Pianissimi sind zahlreich, wunderschön zart und einfühlsam, aber es fehlt der dynamische Kontrast, die Tempi rasanter Leidenschaft, die Klangdämonie des Abgrunds.

Hervorragend allein sind die Sänger. Piotr Beczala bleibt als Titelfigur anfangs noch im Hintergrund, während sein Diener Renato alias George Petean mit seinem durchdringenden Bariton die Führung übernimmt und in der Vereitelung eines Mordanschlags politisch aktiv wird. Als großartiger Verdi-Interpret erweist sich Piotr Beczala in seinem Liebesbekenntnis und in den Duetten mit seiner angebeteten Amelia.

Ihre Partie singt Anja Harteros mit einer Innigkeit und schauspielerischen Präsenz, die die Oper im dritten Akt zum Hörgenuss der Spitzenklasse avancieren lässt und die ohnehin schon ergreifenden Frauenpartien überstrahlt: Okka von der Damerau gibt als Wahrsagerin Ulrica eine berückende Femme fatale ab, Sofia Fomina einen quirligen Oscar mit charmanter Conférencier-Qualität. Seine Entpuppung als Frau, in dieser Inszenierung inhaltlich völlig unmotiviert, zeigt einmal mehr die Oberflächlichkeit der optischen Effekte.
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