Von der Kunst, in Gesichtern zu lesen

Gesichter in unterschiedlichsten Formen, Farben und Ausdrücken sind derzeit im Neuen Museum in Nürnberg zu bestaunen. Bild: Kusch
Kultur BY
Bayern
25.03.2015
2
0

Unser Mund sagt etwas über unsere Wünsche und Gefühle aus. Die Augen sind der Vorhang zur Seele. Das Kinn zeigt unsere Durchsetzungskraft. Und die Stirn offenbart die Art unseres Denkens. Gesichter ziehen in den Bann. Sei es als Selfie, Zugangscode für Smart-TV oder als Ausstellung im Museum.

Sie sind das Merkmal des Menschen. Man kann in ihnen lesen und in sie schauen. Dies macht eine Ausstellung deutlich, die bis 21. Juni im Neuen Museum Nürnberg zu bewundern ist. Unter dem Titel "Gesichter - ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske" präsentiert sie knapp 50 Exponate von mehr als 20 Künstlern internationaler öffentlicher wie privater Leihgeber.

Animiertes Porträt

Eine junge Frau begrüßt den Besucher am Eingang dieser spannenden Sonderschau. Wer ein wenig bei ihr verweilt, bekommt ein Lächeln geschenkt. "Imogen" nennt der britische Künstler Julian Opie seine neue Arbeit, die in einem Leuchtkasten untergebracht ist. Dargestellt ist seine Tochter. Das Porträt ist animiert, so dass sie ihre Mundwinkel nach oben und unten bewegen kann. Ja, moderne Kunst sorgt mitunter für ein Schmunzeln im Gesicht.

Und im Blick auf Julian Opie sind die Porträts zu seinem Markenzeichen geworden. Ob auf Zeitschriften, Plakatwänden oder als digitales Leinwandbild - rund um den Globus begegnet man seinen eindrücklichen Gesichtern, die in Form und Farbe stark reduziert sind. "Das Gesicht fasziniert die Menschen immer am meisten", erklärte Tony Oursler einmal. Der amerikanische Fotograf, Video- und Installationskünstler stellte von Beginn an das Gesicht des Menschen in den Mittelpunkt. Als Anfang der 1990er Jahre LCD-Miniprojektoren verfügbar waren, projizierte er Gesichter direkt auf kissenartige, der menschlichen Physiognomie entsprechende Objekte, die ihm als Träger dienten. Bekannt sind seine "Dummies", Puppen, ausgestopfte amorphe Objekte, auf die er ganze Körper ins Bild rückte und sie mit theatralischen Monologen verband.

In welchen Nuancen das Motiv des menschlichen Antlitzes heute Einsatz findet, zeigen an anderer Stelle die überpersönlichen Figuren von Thomas Schütte und Cindy Shermans fotografische Rollenbilder. Erhellend sind die Porträts einer Marlene Dumas oder von Candice Breitz, aber auch Bruce Neumans Selbstversuche, die Familienporträts einer Rosemarie Trockel oder die Passbildfotos eines Thomas Ruff. Während Roni Horn in ihren Werken eher nach der eigenen Identität fragt, geht Sam Taylor-Johnson der Kraft emotionaler Ausbrüche nach, und Künstler wie Bas Jan Ader oder Arnulf Rainer widmen sich der psychischen Verfasstheit eines Menschen.

In Szene setzen

Das Thema Gesicht hat Konjunktur. Das beweisen aktuelle Entwicklungen wie Facebook oder die Diskussion über Gesicht-Scans. Die Lust am Selfie und das Zeigen des Gesichtes als Zugangscode für Smart-TV sind auch ein Zeichen der Eitelkeit des Menschen. Das Gesicht ist unser Stellvertreter. Wir nutzen es, um Rollen zu übernehmen oder uns gekonnt in Szene zu setzen. In der Kunst hält das Gesicht still und wird zur Maske. Die lehrreiche Ausstellung im Neuen Museum lüftet ein wenig den Vorhang hinter den Geheimnissen, die das Leben in unsere Gesichter gezeichnet hat.

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.nmn.de/
Weitere Beiträge zu den Themen: Nürnberg (1943)März 2015 (9461)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.