Vortrag des Pop-Philosophen Klaus Walter im Nürnberger Künstlerhaus K 4
Jenseits der Klischees und Genre-Grenzen

Radiojournalist Klaus Walter ist nicht nur einer der klügsten Nachdenker im Bereich Pop - er gehört auch dem Beirat für Musik des Goethe-Instituts an. Bild: Geiger
Kultur BY
Bayern
22.11.2013
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Zu Musik lässt sich nicht nur tanzen. Man kann auch prächtig drüber nachdenken. Einer der wichtigsten, weil klügsten Musik-Nachdenker hierzulande, das ist der Radiojournalist Klaus Walter, Jahrgang 1955. Aufregend, wenn man so einer Stimme nicht nur akustisch, sondern auch leibhaftig begegnen kann - wie am Mittwochabend in Nürnberg.

Ins Zentrum seines musik- und videogestützten Vortrags stellt der langjährige Moderator beim Hessischen Rundfunk "Sly & the Family Stone" - war die in den 60er Jahren gegründete Band doch die erste, die die engen, durch die Hautfarbe der jeweiligen Protagonisten errichteten Genre-Grenzen von "weißem Rock" und "schwarzem Rhythm 'n' Blues" einebnete. In ihrer Musik sah sich die Woodstock-erprobte Band laut Klaus Walter einer Idee verpflichtet, die bis dahin festgeschriebene Geschlechter- und Hautfarbenklischees überwand: Frauen setzten hier nicht nur Akzente als Tänzerinnen oder Sängerinnen - als Keyboarderinnen und Trompeterin waren die drei weiblichen Bandmitglieder auch integraler Bestandteil der Performance.

Mal "white", mal "black"

Die Band war "white", wenn sie hart rockend wie in "I wanna take you higher" daherkam - und "black", wenn sie fulminanten Soul bot wie in "If you want me to stay". Walter ist ein profunder Kenner der Pop-Geschichte, und als solcher versteht er es, die rund 100 Zuhörer zielsicher durch die Jahrzehnte zu navigieren: Nach dem drogenbedingten Abtauchen von Sly Stone in den späten Siebzigern trat Prince in dessen Fußstapfen und entwickelte ein psychedelisches Funk-Konzept, das ebenfalls die klassische Farbenlehre konterkarierte.

Heute stünden Neo-Souler wie etwa Frank Ocean für dieses Konzept, das deutlich macht, dass Genre-Grenzen keine "natürlichen" sind. Sondern dass es sich bei Kategorien wie "Geschlecht", "sexueller Orientierung" oder "Hautfarbe" nicht um irreversible Tatsachen handelt, die einem Körper eingeschrieben sind; sondern dass dies Zuschreibungen sind, Behauptungen - die aber ihrerseits Wirkungsmacht erlangen.

Und weil Klaus Walter nicht nur Pop-Philosoph, sondern auch DJ ist, schließt er seinen Vortrag mit der von Billy Paul 1973 so provokant formulierten, als toller Song daherkommenden Frage: "Am I black enough for you?" Worüber sich nicht nur formidabel nachdenken lässt. Dazu ließ sich auch hervorragend tanzen.
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