Warnung vor neuem Rassismus

Der Schriftsteller Achille Mbembe blickt in der Ludwig-Maximilians-Universität in München in sein Buch "Kritik der schwarzen Vernunft". Mbembe bekommt für das Buch den Geschwister-Scholl-Preis. Bild: dpa
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Bayern
01.12.2015
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Achille Mbembe, der frisch gekürte Träger des 36. Geschwister-Scholl-Preises, hat eindringlich vor einem "neuen Rassismus" gewarnt. Neue Formen des Rassismus legitimierten sich nicht mehr nur anhand biologischer Merkmale, sagte Mbembe bei der Preisverleihung am Montagabend in München.

Es sei möglich, dass Risiken, denen einst die schwarzen Sklaven ausgesetzt waren, künftig "das Schicksal aller untergeordneten Menschengruppen" sein werde, betonte er. Ausgezeichnet wurde der kamerunische Philosoph und Autor Mbembe für sein Buch "Kritik der schwarzen Vernunft". Das kraftvoll geschriebene Werk zeige, dass die globalen Waren- und Kapitalströme ohne die Etablierung einer Asymmetrie zwischen den Weltteilen nicht möglich gewesen wäre, heißt es in der Begründung der Jury. Das Buch komme zur rechten Zeit: "Es schärft den Blick auf eine globalisierte Weltgesellschaft, die nicht nur Waren und Kapital verschiebt, sondern auch Menschen und Arbeitskraft."

Koloniales Erbe im Blick

Auch Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) betonte in seiner Laudatio die Aktualität vom Mbembes Arbeit. Ein Blick auf das koloniale Erbe lohne sich in einer Zeit, in der zahllose Flüchtlinge aus Afrika nach Europa strömten. "Europa reagiert darauf leider immer wieder mit Abschottung und Abschreckung", sagte Reiter. Dass Mbembe auch eine greifbare finanzielle Rechnung über Reparationskosten für den auf Kosten Afrikas erreichten Aufstieg Europas aufmache, möge "nicht jedem gefallen". Seine Worte zeugten aber von geistiger Unabhängigkeit und förderten den "moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut".

Mbembe selbst warnte, es manifestierten sich derzeit neue Formen von Rassismus. "Dem Rassismus von heute genügt beispielsweise die Forderung, Grenzen zu schließen, Jagd auf Ausländer zu machen oder Flüchtlinge in ihre Heimat zurückzuschicken." Mit Blick auf zahlreiche Krisen in Afrika sagte Mbembe, auf dem Kontinent könne sich "das Schicksal der Menschheit entscheiden." Afrika müsse wieder zu einem eigenen Zentrum finden und mit dem Rest der Welt gleichziehen.

Zugleich seien längst Menschen in aller Welt und jeglicher Herkunft in Gefahr, ausgeschlossen zu werden, betonte Mbembe: "Der Neger von heute ist eine untergeordnete Kategorie der Menschheit, ein überflüssiger, fast im Übermaß vorhandener Teil, der für das Kapital kaum einen Nutzen darstellt und einem Randgruppendasein und dem Ausschluss aus der Gesellschaft geweiht ist."

Große Persönlichkeiten

Bereits am Vormittag hatte Mbembe bei einer Pressekonferenz erklärt, es sei ihm eine besondere Ehre, einen den Geschwistern Scholl gewidmeten Preis zu erhalten. Der Geist von Hans und Sophie Scholl erinnere ihn an große Persönlichkeiten wie Martin Luther King oder Nelson Mandela: "Menschen, die glaubten, die Welt in ihrem Lauf verändern zu können." Eine solche Transformation beginne in jenem Moment, in dem Menschen Verantwortung für ihr beiderseitiges Wohlergehen übernehmen, sagte Mbembe. Dieser Geist könne eine Politik der Ausgrenzung und Ungleichheit nicht zulassen.

Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird seit 1980 vom Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Stadt München vergeben.
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