Wohlfühl-Kreuzfahrt mit Magie

Kultur BY
Bayern
15.10.2015
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Maria (Alice Kessler) und Otto (Gunter Sonneson).
Selten hat ein Musical das Leben so realistisch und dabei so unterhaltsam abgebildet, wie "Ich war noch niemals in New York", das im Deutschen Theater in München eine begeisternde Premiere feierte. Hier tanzen keine Außerirdische in Strapsen über die Bühne, sondern Menschen mit normalen Wünschen, Träumen und Problemen - in einer bunten Gute-Laune-Revue.

Ein Song - eine Geschichte

In Musical-Produktionen, die das Lebenswerk eines Musikers oder einer Band verarbeiten, ist die szenische Handlung oft dünn, die Botschaften einfach. Ansonsten werden nur die größten Hits aneinandergereiht. Beim Udo-Jürgens-Musical scheint es zunächst auch so, reicht doch genau der titelgebende Song für eine treffende Inhaltsbeschreibung aus: "Ich war noch niemals richtig frei. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh'n."

Das wollen nämlich Maria (Alice Kessler) und Otto (Gunter Sonneson), denen im Altersheim die Decke auf den Kopf fällt. Die Senioren sind nicht die netten fügsamen Bewohner. Das frisch verliebte Pärchen will raus - nach New York, um dort unter der Freiheitsstatue zu heiraten. Ihre Kinder, der karrierefixierte TV-Star Lisa (Sarah Schütz) und der Abenteuerer Axel (stimmlich nahe an Jürgens: Karim Khawatmi) nebst Söhnchen Florian (frech: Colin) hasten hinterher. Ebenso Lisas Assistenten Costa und Fred (mit herrlich sarkastischem Humor: Gianni Meurer und Andreas Bieber), die die Diva auf eine Preisverleihung vorbereiten wollen.

Die etwas pilchereske Handlung nimmt auf einem Kreuzfahrtschiff den erwarteten Lauf. Am Ende brechen alle aus. Die "Ätz-Tussi" und der "Gutmensch" kabbeln sich und kommen sich näher, ihre Eltern nehmen letzte Hürden, verarbeiten Probleme mit ihren Kindern und das schwule Assistenten-Pärchen überdenkt sein Leben im Showbiz. Die exzellente gesangliche Performance der Protagonisten und die spürbar passende Chemie untereinander tut ihr Übriges. So schön, so gut.

Hier kommt jedoch Udo Jürgens ins Spiel. Die ausgewählten Songs mit Live-Orchester aus dem Lebenswerk des 2014 verstorbenen Komponisten und Liedermachers geben dem Stück Frische und einen ungeheueren Tiefgang. Es sind starke Momente wie bei "Griechischer Wein", mit dem Costa das Heimweh und die Schwierigkeiten des Lebens in einem fremden Land besingt, und damit auch angesichts der Flüchtlingsdiskussion viel mehr verdeutlicht als alle Reden. Oder "Vater und Sohn", bei dem Otto und Axel sich versöhnen.

Intelligente Bearbeitung

Die stimmungsvolle Inszenierung bindet mit einfachen Stilmitteln und witzigen Choreographien mühelos - und sinnvoll - selbst ungewöhnliche Lieder wie "Siebzehn Jahr, blondes Haar", "Aber bitte mit Sahne" oder "Merci, Chérie" in die Handlung ein. Urkomische Szenen wie die Navi-Irrfahrt von Lisa und Axel durch Europa oder Thomas Gottschalks Stimme aus dem Off sorgen für Lacher. Beeindruckend ist auch die Leistung von Alice Kessler. Mit ihrer Zwillingsschwester Ellen - in einer 60-jährigen gemeinsamen Bühnenkarriere stets verbunden - teilt sich die Grande Dame die Rolle der Maria.

Kurz: Das Musical ist schlicht eine Hommage an die Lebensfreude, an kleine Schrullen, die Wunden, die die Jahre schlagen und die heilen können. Nicht nur für Udo-Jürgens-Fans.
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