Woodstock-Blues und Donnerrock

Ungewohnt mit Kontrabass: Leo Lyons, Drummer Damon Sawyer und Weltklasse-Gitarrero Joe Gooch (rechts): Hundred Seventy Split rocken in bester Ten-Years-After-Tradition. Bilder: Gebhardt (2)
Kultur BY
Bayern
02.04.2015
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Graues bis weißes Haar, falls noch vorhanden, Pferdeschwänzchen, alte Jeans: Sie haben Woodstock noch miterlebt, die Besucher dieser Ü-50-Party in der Kulturfabrik. Bei den 24. Bluestagen in Roth dominierte an zwei Abenden das gesetzte Alter - auch an den Instrumenten.

Canned Heat, die Helden von 1969, stehen nach wie vor auf der Bühne und versuchen laut Ankündigung, "die Musik von gestern ins Heute zu transportieren". Noch immer sind zwei Musiker, die damals in Woodstock mit dabei waren, hier aktiv: Schlagzeuger Adolfo, genannt "Fito", de la Parra (69) und Bassist/Gitarrist Larry "The Mole" Taylor (72). In Roth wurden sie unterstützt von Bassist/Gitarrist John Paulus (John Mayall, auch mal Heat-Mitglied) und Mundharmonika-Spieler Dale Spalding aus Austin, Texas.

Und dann kamen sie auch, die alten Hits: "On The Road Again", "Let's Work Together" oder "Rollin' and Tumblin'", als Höhepunkt natürlich "Going up the country". Die ganz großen Instrumentalisten sind sie immer noch nicht, die gesetzten Herren aus USA, aber mit ihrem Blues machen sie das doppelt wett. Dementsprechend gingen auch die älteren Jahrgänge im zahlreichen Publikum begeistert mit.

Erfahrener Blues

Steter personeller Wechsel zwischen Gitarren und Bass, sogar der Harp-Spieler zupfte die Saiten, abwechslungsreicher Gesang und ein Blues-Feeling, das nur aus langer, teils leidvoller Lebenserfahrung resultiert: Canned Heat sind immer noch einen Abend wert. War halt doch eine schöne Zeit damals.

Zwei Tage später ist dann noch einmal ein Woodstock-Veteran in Roth: Leo Lyons, legendärer Bassist der Rock-Giganten Ten Years After um Alvin Lee, ist zurück. Doch zunächst zur ersten Gruppe dieses Abends: Vdelli gehören seit Jahren zu den innovativen und äußerst spielfreudigen Gruppen im Bluesrock. Michael Vdelli (Gitarre, Gesang), Leigh Miller (Bass, Gesang) und Drummer Ric Whittle kombinieren Blues-, Indie- und Mainstreamrock. "Druckvolle, treibende, riffbetonte Rockkracher" annonciert die Werbung, und in der Tat: Die Spielfreude tropft bei den Australiern förmlich von der Bühne.

Schwarzmähne Michael Vdelli setzt seine klasse Rockröhre ebenso begeistert ein wie seine stets passenden Gitarrenriffs. Er greift auf eine umfangreiche Les-Paul-GitarrenSammlung zurück, steht aber auch an der Akustischen seinen Mann. Stets im freundlichen Dialog mit dem Publikum, lässt er sich tragen vom Riesenapplaus, den ihm und seinen Mitstreitern der Saal permanent schenkt.

Astreine Gitarrensoli, ein Bassist, der neue Dimensionen aufzeigt, und ein Rockdrummer mit gekonntem Donnersolo - das sind die Zutaten für einen perfekten Auftritt der Boys von Downunder: Respekt für 90 Minuten sehr guten Vollgasrock.

Die nächsten eineinhalb Stunden werden kaum leiser: Leo Lyons (71) schnallt die älteste seiner drei Bassgitarren um, stellt Joe Gooch (37) und Drummer Damon Sawyer vor. Dann pumpt der Altmeister aus seinen vier, manchmal fünf Saiten derart kraftvolle Figuren, dass es sogar viel jüngeren Musikern regelmäßig die Sprache verschlägt.

Kontakt zum Publikum

Wahnsinnsgitarrist Joe Gooch spielt facettenreich, irre schnell, intoniert perfekt und einfühlsam - schon als Lee-Nachfolger bei Ten Years After ließ er aufhorchen. Mit herzlichem Kontakt zum Publikum absolvieren die Drei ihren Auftritt, mit viel eigener Musik und einigen TYA-Krachern. Der Bandname Hundred Seventy Split kommt übrigens aus Nashville. Leo Lyons wohnt dort, wo sich der Highway 100 und der 70er teilen, also splitten.

Geteilt schien die Meinung an diesem Abend aber nicht: Gewaltiger Applaus vom gesetzten Alter und auch den Jüngeren, zehn Minuten "Goin'home" als Zugabe mit einem glänzend aufgelegten Joe Gooch, dann ist Ende für die ausgepowerte Band und das erschöpfte Publikum. Das Trio braucht sich weltweit nicht zu verstecken - auch wenn Vdelli schon freundlich winkend am Horizont auftaucht. . .
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