Zu den Quellen der populären Musik: Das Lippmann+Rau-Musikarchiv in Eisenach
Im Eldorado der Jazzforschung

Die Entwicklung der Tonaufzeichnung im 20. Jahrhundert vom Grammophon bis zur Hi-Fi-Anlage wird hier nachvollziehbar, Musikgeschichte zum Anfassen! Bilder: Reitz (9)
Kultur BY
Bayern
26.08.2016
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Die umfangreichste Sammlung des Archivs stammt von Fritz Marschall (Jahrgang 1943). Sie hat ein Gesamtgewicht von acht Tonnen und ist in 400 Ordnern akribisch sortiert. Mehr als 30 000 Langspielplatten dokumentieren die afroamerikanische Musik in den USA von circa 1890 bis 1960 auf einzigartige Weise.
 
Der aus der Gründerzeit stammende Maschinenpark ist eine Attraktion für Technikfreaks, das Musikarchiv zieht Gäste aus der ganzen Welt magisch an.

Eisenach, damit verbindet man zuerst einmal die Wartburg, Martin Luther, Johann Sebastian Bach oder eine legendäre Automarke. Aber auch Musikforscher aus der ganzen Welt pilgern in die ehemalige Mälzerei auf der Suche nach Relikten der Historie von Jazz und Blues.

Von Louis Reitz

Über 150.000 Tonträger und Filme, 74.000 Bücher und Zeitschriften, dazu etwa 60.000 Fotos, Programmhefte und Plakate, 80 000 ausgewählte Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie diverse Devotionalien, aber auch Musikinstrumente sind dort gelagert und warten auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Unzählige Briefe und Rundfunkmanuskripte sind Teil der Nachlässe und Sammlungen.

Im Jahr 1999 fassten Reinhard Lorenz und einige engagierte Mitglieder des Jazzclub Eisenach e.V. den Entschluss, das "Internationale Jazzarchiv Eisenach" aus der Taufe zu heben. Ursprüngliches Ziel war es, Materialien zum Thema Jazz zusammenzutragen und allen Mitgliedern des Vereins zur Verfügung zu stellen. Zudem sollten die 40-jährige Clubgeschichte aufgearbeitet sowie alle Aktivitäten dokumentiert werden.

Alte Platten sortiert


Nach jahrelanger freundschaftlicher Verbundenheit mit dem deutschen Jazz- und Blues-Enthusiasten Günter Boas (1920-1993) erhielt das Archiv posthum dessen große Sammlung, die damit einen ansehnlichen Grundstock bildete, auf dem man aufbauen konnte. Man traf sich einmal die Woche, um die alten Platten von Günter Boas oder mitgebrachte Fundstücke von privaten Dachböden gemeinsam zu sortieren, Zeitungsartikel auszuschneiden sowie Fotos zu ordnen.

Das kleine Archiv, welches mit bescheidenen Mitteln entstand, vergrößerte sich durch Schenkungen von Clubmitgliedern und Sympathisanten rasant. Mit der Gründung der Lippmann+Rau-Stiftung im Jahre 2006 wurde eine Rechtsform gefunden, die es ermöglichte, die "Alte Mälzerei", in dem sich Jazzclub und Archiv befinden, von der Stadt Eisenach zu übernehmen.

Zugleich sollte mit der Gründung der Stiftung das kulturelle Erbe von Horst Lippmann (1927-1997), einem gebürtigen Eisenacher, und dessen Geschäftspartners Fritz Rau (1930-2013) gewürdigt werden. Beide hatten sich als Konzertagentur "Lippmann+Rau" vor allem um den deutschen und amerikanischen Jazz, Blues, Rock und Folk verdient gemacht und darüber hinaus internationales Ansehen erlangt. Ihre legendäre Konzertreihe "American Folk Blues Festival" löste in den 60er Jahren einen Blues-Boom aus und beeinflusste die Pop-Szene nachhaltig.

Sichten und Erforschen


Im Jahr 2009, zum 50. Jubiläum des Jazzclubs und 10. Archivgeburtstag, schloss die Lippmann+Rau-Stiftung einen Kooperationsvertrag mit der Hochschule für Musik "Franz List Weimar" ab. Im Zuge der Neustrukturierung wird das Archiv in "Lippmann+Rau-Musikarchiv" umbenannt und trägt nun den Untertitel "Internationales Archiv für Jazz und populäre Musik der Lippmann+Rau-Stiftung", um die Vielfalt und Internationalität der musikalischen Bestände schon im Namen zu signalisieren. Ziel der Zusammenarbeit ist "die wissenschaftliche Sichtung, Erschließung und Erforschung der Sammlungsbestände des Archivs".

"Wir vertreten die ,Philosophie der Sammlungsgeschlossenheit', das heißt, unsere Sammlungen werden nicht ,zerpflückt'. Für die Sammler, die uns ihre Sammlungen vertrauensvoll übergeben, wird dadurch garantiert, dass diese in geschlossener Form erhalten und so besser die Sammlungsschwerpunkte und ihr Umfang erkennbar bleiben. Zudem sind wir darauf bedacht, auch die Geschichten hinter den Sammlungen zu dokumentieren", betont Lorenz.

Schenkungen und Nachlässe erweitern Bestand


Rund 40 geschlossene Sammlungen sind neben dem Informationsbestand zugänglich. Natürlich ist so manches Dokument mehrfach vorhanden. Doch zum einen ermöglicht dieses Nebeneinander von Sammlerstücken wichtige sozialhistorische Erkenntnisse zum Sammlungskontext, aber auch Beziehungen zwischen Künstlern unterschiedlicher Genres und Sammlern werden sichtbar. Permanent erweitert sich der Sammlungsbestand durch Schenkungen und Nachlässe. Günther Kieser, dessen Plakate der Festivals von Berlin oder Frankfurt Kultstatus haben, übergab viele seiner Arbeiten dem Archiv, ebenso wie Axel Küstner, der in den 70er Jahren mit Tonbandgerät und Fotoapparat die Blues-Szene in den Südstaaten dokumentierte und bei der Plattenfirma Lippmann+Rau dieSerie "Living Country Blues USA" gestaltete.

Auch der Nachlass von Hazy Osterwald ist hier zu finden, aber auch bildende Kunst, die sich mit Jazz auseinandersetzt, oder die von Musikern gemacht wird, hat ihren Platz im Archiv. Eine Zeichnung von Joan Baez ist fraglos eine der attraktivsten Raritäten. Benny Goodman ist in vielen Archivalien präsent, vor allem aber in einer Klarinette aus dem Nachlass Kurt Müller. Und auch die Rolling Stones fehlen nicht. Nana Mouskouri ist da und auch Jimi Hendrix.

Nun, nach mehr als zehn Jahren erfolgreicher Stiftungsarbeit und der Etablierung einer international anerkannten Forschungsstätte, müssen die Verantwortlichen auch an die Zukunft denken. Eine Viertelmillion Euro aus Bundesmitteln sind zugesagt für einen Anbau an die Mälzerei. Der Architekt und Denkmalpfleger Peter Zumthor aus der Schweiz entwickelt ein Konzept für einen attraktiven Ausstellungsbereich und zeitgemäße Lagerungs- und Arbeitsbedingungen. Mit dem Bauhausjubiläum 2019 soll dieses Ziel erreicht werden.

5000 VHS-Kassetten


Dringend nötig wäre auch die systematische Digitalisierung alter Tonträger wie Tonbänder, Musikcassetten und VHS-Kassetten, an denen der Zahn der Zeit nagt. Die Zusage eines hauptamtlichen Archivars für das kommende Jahr ist dabei wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Allein die Digitalisierung und Auflistung einer Sammlung von 5000 VHS-Cassetten, die im vergangen Jahr gerade noch vor dem Müllcontainer gerettet wurden, würde 60 000 Stunden in Anspruch nehmen. Unzählige Tonbänder sind wohl nicht mehr abspielbar und fristen ihr Dasein im Archiv. Eine Herkules-Aufgabe, die nur durch eine größere Anzahl von festen Mitarbeitern bewältigt werden könnte.

Interview mit Kulturamtsleiter Reinhard Lorenz
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