Zum 90. Todesjahr des berühmten Musikers Hans Koessler aus Waldeck
Kapellmeister und Komponist

Hans Koessler (sitzend, zweiter von rechts) 1906 in Budapest im Kreise seiner Studenten mit Zoltán Kodály (stehend, zweiter von links) und Leo Weiner (rechts außen). Bilder: Archiv Karl-Heinz Malzer (7)
Kultur BY
Bayern
02.09.2016
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Der jüngere Hans Koessler, damals mit Schnauzbart.
 
Stich nach einer Fotografie. Koessler ist noch nicht ergraut und schreibt seinen Namen hier mit "oe".

Im Musikleben steht derzeit Max Reger mit der Ziffer 100, seinem Todesjahr im Brennpunkt. Regers Kollege Hans Koessler mit seinem 90er soll da nicht in Vergessenheit geraten.

Die beiden Oberpfälzer verbindet mehr als man zunächst meinen möchte: Ihre Geburtsorte Brand und Waldeck sind gerade einmal zehn Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Genetisch läuft die Linie zum gemeinsamen Urgroßvater Franz Peter Reichenberger, geboren 1780 in Riglasreuth, später Besitzer des Drahthammers in Grötschenreuth. Beide sind Lehrerssöhne, Koessler kennt den 20 Jahre jüngeren Verwandten. Er studiert Komposition in München bei Joseph Gabriel Rheinberger (1839-1901), der auch als Lehrer für Reger zur Diskussion stehen wird.

Zumindest 1893, anlässlich Regers Heimatbesuch zeigt sich Koessler (1. Januar 1853 bis 23. Mai 1926) von dessen Fortschritten bei Hugo Riemann (1849-1919) begeistert. Bei der schweren Krise Regers 1898 in Wiesbaden veranlasst er vehement die "Heimholung" und somit Rettung Regers vor einem Absturz. Beide sollen eigentlich den Lehrerberuf der Väter erlernen. Bei beiden geben Konzertbesuche den Ausschlag für die Berufung zum Musiker: Koessler 1874 mit 21 Jahren durch Aufführungen von Mozarts "Zauberflöte" und einer Beethoven-Symphonie in München, Reger 1888 mit 15 Jahren durch Opern Wagners im Festspielhaus Bayreuth.

Koessler entwickelt sich in der klassizistischen, von Franz Lachner (1803-1890) beeinflussten Kompositionstradition Rheinbergers, der jüngere Reger baut auf die hochentwickelte Chromatik Wagners. Während der extrovertierte Reger unermüdlich, bis zur physischen Erschöpfung europaweit Anerkennung sucht, ist das seinem Verwandten nicht wichtig, im Gegenteil: "Alles was ich (bis 1883) komponierte, blieb unter Schloss und Riegel, niemals habe ich jemanden wegen Aufführung meiner Werke belästigt."

Karriere ohne Karrierismus


Das ändert sich 1884, als Freunde anonym seinen 46. Psalm bei einem Kompositionswettbewerb des Wiener Tonkünstlervereins einreichen. Brahms gehört der Jury an. Das Werk gewinnt den ersten Preis und macht Koessler mit einem Schlag berühmt. Er ist seither mit Brahms befreundet, besucht ihn sogar 1895 in Bad Ischl.

Das Gespür für Chormusik hatte er von seinem Lehrer Franz Wüllner (1832-1902) mit auf den Weg bekommen, der ihn vielfältig förderte. Wüllner nimmt Koessler mit nach Dresden, als er 1877 Leiter des Konservatoriums wird. Mit der Dresdner Liedertafel gewinnt Koessler einen Wettbewerb in Köln und wird daraufhin dort Theaterkapellmeister. Wieder durch die Vermittlung Wüllners beruft ihn 1882 die Musikakademie Budapest als Lehrer für Orgel und Chorgesang. 1889 zählen dort Béla Bartók, Zoltán Kodály, Emmerich Kálmán und Ernst von Dohnany zu seinen Schülern. Bartók beurteilt seinen Lehrer kritisch, als zu didaktisch-streng, zu professorenhaft-pompös, und außerdem unterrichte er in Deutsch, nicht in Ungarisch.

1908 wird Koessler mit allen Ehren in den Ruhestand versetzt, im k. und k. Österreich-Ungarn gibt es sogar den Adelstitel als Dreingabe.

Koessler hatte sich in Ungarn ein Vermögen von 44 000 Goldkronen angespart und verbringt die Jahre 1908 bis 1916 mit Reisen, um ganz Deutschland kennenzulernen: "Den Winter in einer Großstadt, den Frühling in einer kleinen Residenzstadt (Ansbach), Sommer und Herbst auf dem Lande und an der See". Koessler lebt zeitlebens als Single, wie ein Student ohne festen Wohnsitz, sein Hab und Gut in Holzkoffern mit sich führend.

Ruin und Rehabilitation


In den Kriegswirren 1916 verliert er sein gesamtes Vermögen. Er rettet sich 1918 zu einem Freund, dem Kreisschulinspektor August Hopf nach Ansbach. Durch Vermittlung von Emmerich Kálmán - er ist bestürzt über dessen finanzielle Notlage - wird Koessler 1920 wieder nach Budapest berufen. Nach einer Erkrankung 1925 zieht er zurück nach Ansbach und stirbt dort an den Folgen einer misslungenen Beinamputation.

Eine musikwissenschaftliche Aufarbeitung des kompositorischen Werks des Hans von Koessler steht noch aus. Viele der 130 Werke sind aufgrund des unsteten Lebenswandels ihres Autors verschollen. Immerhin befänden sich darunter eine Oper ("Der Münzenfranz" 1902), zwei Sinfonien, je ein Violin- und ein Cellokonzert, eine Messe und Kammermusik wie das 1902 veröffentlichte "biografische" Quartett, dessen Noten zugänglich sind.

Die Neueinspielung seiner Chormusik lässt aufhorchen, sie wird an anderer Stelle gewürdigt. Seine Kompositionsschüler scheint Koessler nicht immer inspiriert zu haben. In Anbetracht deren Erfolge hat er aber wohl doch den Grund für ihr handwerkliches Können gelegt.

Faszinierende Chor-CDEine sensationelle Wiederentdeckung und Einspielung ist dem Chor "Cantabile Regensburg" unter Matthias Beckert zu verdanken: Die 20 weltlichen und geistlichen Chorwerke von Hans Koessler (1853-1926) sehen wir auf Augenhöhe mit denen von Mendelssohn-Bartholdy, Rheinberger oder Peterson-Berger und Stenhammar aus Schweden.

Koessler war ein unsteter Geist: geboren in Waldeck in der nördlichen Oberpfalz lauten seine Lebensstationen Weiden, Eichstätt (Lehrer-Ausbildung), Neumarkt, München, Dresden, Köln, Budapest.

Seine Werke hielt Koessler bekanntlich "unter Schloss und Riegel", dann reichten Freunde den Psalm "Gott ist meine Zuversicht" 1889 anonym bei einem Wettbewerb ein. Die Jury, der auch Johannes Brahms angehörte, verlieh den 1. Preis. Dieser Psalm 46 bildet mit 14 Minuten Dauer das Herzstück der Einspielung. Wir kommen nicht heraus aus dem Staunen über Koesslers feinstes Gespür für Stimmführung, Stimmregister, Klangfarben und dynamische Schattierungen. Er komponiert in Tuchfühlung mit Wort und Sinn des Textes, verständlich, einleuchtend, lyrisch wie dramatisch, aber nie aufgesetzt-plakativ. Die ausdrucksvolle Harmonik, die üppige Besetzung mit 16 Stimmen lassen die gleich groß besetzten Werke von Richard Strauss (Abend und Hymne op. 34 von 1897) vorausahnen.

Weiter finden wir auf der CD neun Lieder (unter anderem. nach Goethe, Geibel und Heine) in gekonnten, erfrischenden Volksliedsätzen. Drei edle Altdeutsche Minnelieder nach Friderici. Drei ernste Chöre (darunter "Hymne an die Nacht" von Lenau). Fünf geistliche Chorwerke (Psalmen 46, 52, 60, "Hymnus Victoria" und "Salvum fac regem").

Cantabile Regensburg ist ein Chor mit hohem Anspruch und herausragenden Möglichkeiten, die schon bei Wettbewerben prämiert wurden. Dank vorzüglicher Stimmbildung präsentieren sich alle Stimmen homogen, gleichwertig in den Gestaltungsmöglichkeiten, blitzsauber in Intonation und Stimmhaltung, selbst bei chromatischen Partien wie in "Gebet auf den Wassern", das finale tiefe C sitzt haargenau. Hervorragend sind die einheitliche Vokalfärbung und Artikulation.

Lücke geschlossen

Grenzen deuten sich höchsten bei pp-Einsätzen in hohen Lagen oder bei der dräuenden Schärfe der Oberstimmen im Fortissimo an. Eine faszinierende Chor-CD! Sie schließt eine Lücke, rehabilitiert Koessler und bereichert das romantische Chorrepertoire. (dok)

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Hans Koessler - Chorwerke. Cantabile Regensburg, Matthias Beckert. Helbling/Innsbruck in Koproduktion mit BR-Klassik. 17,90 Euro, ISBN 978-3-99035-525-1.

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