Zumutung und Mutmacher zugleich

Kultur BY
Bayern
20.10.2015
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Eines ist ziemlich schnell klar: Sie werden ihrem Publikum an diesem Abend auf den Pelz rücken. "Von wem träumen Sie?", rufen vier Darsteller und blicken den Zuschauern eindringlich in die Augen.

"Was ist wirklich real?", wollen sie wissen, während sie an den Stuhlreihen in den Kammerspielen vorbeischleichen. Gänsehaut-Feeling entsteht - die richtige Vorbereitung für 90 Minuten "1984", Georg Orwells düstere Warnung vor totalitaristischen Tendenzen jeder Art, in neuem Gewand. Robert Icke und Duncan Macmillan haben den Klassiker für die Bühne aktualisiert. Ihre Orwell-Version, die 2013 in London uraufgeführt wurde und nun in Nürnberg als deutsche Erstaufführung zu sehen ist, konzentriert sich vor allem auf die psychologische Innenschau.

Fiktion und Wirklichkeit

Winston Smith, Genosse 6079, der beim Ministerium für Wahrheit arbeitet, wird hier zur Projektionsfläche für Fragen, die jeder in sich trägt: Wie kann ich unterscheiden zwischen Fiktion und Wirklichkeit? Was ist Freiheit oder Manipulation? Und wie kann ich Widerstand leisten gegen Einflüsse von Technik und Obrigkeiten?

Beleuchtet werden die Protagonisten einzig durch die Scheinwerfer zweier Kameras, die jede ihrer Bewegungen verfolgen. Finstere Gestalten tauchen aus dem Dunkel, formieren sich zu einer bedrohlichen Gruppe, die immer wieder - staccatoartig - die gleichen Sätze wiederholt.

Steril und dumpf klingende Töne, von schreitendem Rhythmus begleitet (David Rimsky-Korsakow), verstärken die Atmosphäre ins Gruselige. Rasant rauschen eingeblendete Sätze an den Mauern und auf der Leinwand vorbei: "Krieg ist Frieden" und "Nichtwissen ist Stärke".

Regisseur Christoph Mehler und seinem Team gelingen starke Bilder, die sich tief ins Bewusstsein der Zuschauer hineinbohren. Die Szene am Schluss, bei der Winston (Daniel Scholz) bis zur Selbstaufgabe gefoltert wird, um dann gemäß dem "Neusprech" der Partei festzustellen: 2 + 2 = 5, geht unter die Haut. O'Brien (Louisa von Spies) und seine Parteigenossen schreien ihm förmlich die Seele aus dem Leib.

Berühren und anrühren

Dass an dieser Stelle einige Zuschauer den Raum verlassen oder sich die Ohren zuhalten, ist natürlich von der Regie gewollt. Dieses Stück soll berühren und anrühren, ist Zumutung und Mutmacher zugleich. Denn: Widerstand ist eben nicht zwecklos.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.staatstheater-nuernberg.de
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