Zwischen Versöhnen und Erinnern: Zum 95. Geburtstag des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer
Nazi-Barbarei darf sich nie wiederholen

Mehr als zwei Jahre war Max Mannheimer in Konzentrationslagern gefangen, ehe er am 30. April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Als Zeitzeuge mahnt er junge Generationen, die Nazi-Barbarei dürfe sich nie wiederholen. Bild: dpa
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Bayern
06.02.2015
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Max Mannheimer hat überlebt. Theresienstadt, Auschwitz und Dachau. Als Zeuge dieser grauenvollen Zeit berichtet Mannheimer seit 30 Jahren, was in den Konzentrationslagern der Nazis geschehen ist. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Erinnerung wachzuhalten. Am 6. Februar wird Mannheimer, der in der Nähe von München lebt, 95 Jahre alt. Und er berichtet unermüdlich weiter, mehrmals in der Woche erzählt er Schülern, Studenten oder anderen Gruppen seine Geschichte.

Rache ist ihm fremd

Eine Geschichte, die so grausam ist, dass er sie bei Vorträgen "emotionslos erzählen muss", wie er der Deutschen Presse-Agentur sagt. Denn: "Sonst trauen sich die Leute nicht zu fragen." Mannheimer sucht aber das Gespräch mit den Menschen und will gefragt werden. Hass oder ein Verlangen nach Rache sind ihm fremd. Versöhnen will er und mahnen. Die Schüler von heute seien zwar nicht verantwortlich für das, was damals geschehen ist - aber dafür, dass es sich nicht wiederhole.

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar sprach Mannheimer, der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Internationalen Dachaukomitees ist, als Zeitzeuge im Landtag - und kritisierte die Pegida-Bewegung. "Wenn heute wieder bedenkliche Demonstrationen stattfinden, müssen sich staatliche Stellen und Verantwortliche Sorgen machen und entsprechend handeln." Als ermutigend bezeichnete er die Gegendemonstrationen: Diese seien "notwendiger Ausdruck einer Verneinung von Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung und Intoleranz".

27 lange Monate hat Max Mannheimer die Nazi-Gräuel ertragen müssen. Er nennt diese Zeit sein zweites Leben. Das erste Leben - Kindheit und Jugend im mährischen Neutitschein, im heutigen Tschechien - ist mit dem Transport nach Theresienstadt zerstört worden, das dritte Leben begann nach der Befreiung 1945.

Mannheimer und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Edgar überlebten Auschwitz. Ihre Eltern und ihre Geschwister Ernst und Käthe wurden dort 1943 von SS-Schergen ermordet, ebenso Max Mannheimers Ehefrau Eva und eine Schwägerin. Bruder Erich war 1942 verhaftet und später ermordet worden. An der Todesrampe von Auschwitz-Birkenau sieht Mannheimer seine Angehörigen zum letzten Mal. Sie werden selektiert - ohne Abschied. Auf Mannheimers Frage, was mit den Frauen, Kindern und älteren Menschen geschehe, die einen Lastwagen besteigen mussten, antwortet ein Häftling, der schon länger in Auschwitz war, eiskalt: "Gehen durch den Kamin."

"Es war ein Riesenglück"

Im Oktober 1943 werden Max und Edgar Mannheimer in Waggons nach Warschau gebracht. Der fast 95-Jährige bezeichnet das als "Glück". Von Warschau kommen die Brüder in das KZ Dachau bei München. Während die Häftlinge Schwerstarbeit leisten, hetzt ein SS-Mann immer wieder seinen Schäferhund auf sie. "Gebissen hat mich der Hund zwar nicht, aber nach dem Krieg hat er mich in meinen Träumen besucht."

Am 30. April 1945 werden die Brüder Mannheimer zusammen mit vielen anderen Häftlingen von den Amerikanern aus einem Waggon befreit. "Es war ein Riesenglück", sagt Mannheimer. "Ich war damals eine ziemliche Leiche und dachte, wenn ich 40 Jahre alt werde, dann ist das viel. Und nun werde ich 95 und bin immer noch on tour", sagt er und fügt lächelnd hinzu: "Ich habe einfach gute Gene." Humor hat er, den hat er trotz allem nicht verloren.

Nach der Befreiung verlässt Mannheimer Deutschland und will nie zurückkehren. Doch eineinhalb Jahre später ist er wieder da. Er hat sich verliebt - ausgerechnet in eine Deutsche: Elfriede Eiselt, Widerstandskämpferin. "Sie versicherte mir, dass Deutschland eine ausgezeichnete Chance hat, eine Demokratie zu werden. Und wenn man verliebt ist, glaubt man ja vieles."

Alpträume und Depressionen belasten Mannheimer in den folgenden Jahren. Als er 1981 in den USA an einer Mauer ein Hakenkreuz sieht, bricht er zusammen. "Ich hatte versucht, es mit Schraubenzieher und Hammer aus dem Beton herauszumeißeln." Er kommt in eine Klinik. Im Bad holt ihn die Angst ein: "Ich habe die Dusche ganz vorsichtig aufgedreht, um zu sehen, ob wirklich Wasser und nicht Gas herauskommt." Mannheimer beginnt, Vorträge zu halten und zu malen. Er nimmt Tabletten. All das hilft ihm, das Erlebte zu ertragen.

Voller Terminkalender

Die Erinnerung daran treibt ihn an. Mannheimers Terminkalender ist voll. Auch in den Wochen vor seinem 95. Geburtstag besucht Mannheimer Schulklassen. "Vom Hals abwärts bin ich ein Invalide", sagt er kokett. "Aber der Kopf funktioniert noch halbwegs. Sprechen kann ich noch." Und so wird er weiter seine bewegende Geschichte erzählen - die Geschichte seiner drei Leben.
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