Ausstellungen im Porzellanikon
Mythos Rosenthal

Mit der Einbeziehungen von Kunst und Möbeln verwirklichte Philipp Rosenthal den Gedanken der Manufakur des Wohnens. Hier konnte er Gestalter wie Cini Boeri, Burkhart Vogtherr oder Erwin Vogel gewinnen. Bilder: Gerhard Götz (9)
Kultur
Bayern
08.07.2016
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Schnörkellos und Moden überdauernd - viele Sonderanfertigungen aus der Produktion von Rosenthal werden noch in 100 Jahren ihren Platz in der Tischkultur haben.
 
Beliebtes Geschenk in den 80er Jahren: Das Service mit dem futuristischen Namen "Flash".

Viel zu leichtfertig wird mit dem Begriff Mythos umgegangen. Selten versteckt sich dahinter ein Geheimnis, ein Zauber. Sogar mehrere griechische Restaurants heißen Mythos. Umso aufregender sind Mythen, die ihrem Namen gerecht werden. Die sich nicht nur über ihren Erfolg definieren, sondern auch über ihre Persönlichkeit.

Rosenthal ist so ein Fall: Mit Philipp Rosenthal sen. und Philipp Rosenthal jun. werden zwei schillernde Protagonisten vorgestellt - ein imposanter Selfmade-Millionär auf der einen Seite, ein visionärer Bonvivant, begnadeter Marketingmann und Sozialdemokrat auf der anderen Seite. Dazu Produkte, die ausgezeichnete Qualität, wegweisendes Produktdesign und Kunst in sich vereinen. "Rosenthal - ein Mythos. Zwei Männer schreiben Geschichte" heißt die Ausstellung, die das Porzellanikon an drei Plätzen in Selb und Hohenberg mit viel Liebe zum Detail und konsequent zu Ende gedacht aufgebaut hat. Aus gutem Anlass: Der Junior hätte in diesem Jahr 100. Geburtstag gehabt. Parallel feiert das Unternehmen Rosenthal heuer sein 125-jähriges Bestehen.

600 Quadratmeter


Hauptschauplatz ist das ehemalige Brennhaus von 1889 in der alten Selber Rosenthal-Fabrik mit seinem beeindruckenden Rundofen. Auf 600 Quadratmetern hat das Ps.Planungsbüro das Porzellan neu inszeniert und darum die chronologische Entwicklung des Unternehmens arrangiert.

Im Zentrum stehen runde Tische mit unzähligen Serviceteilen, die Ausstellungsmacher haben die Exponate in sanftes Licht gerückt, entlang der Wände schmiegt sich ein Zeitstrahl, der in Wort und Bild einen Abriss der bewegten Geschichte des Unternehmens und seiner Eigentümer zeichnet.

Eine Leidenschaft


Zu sehen sind neben den zu Klassikern der Tischkultur gewordenen Großauflagen wie beispielsweise "Maria Weiss" oder "Form 2000" auch Designstücke aus Händen von Künstlern wie Henry Moore, Salvador Dali oder Günter Uecker, die unter der Ägide des Juniors entstanden sind. Medienstationen, Dokumente und alte Zeitungsausschnitte ergänzen die Dokumentation.

Vor allem aber zeichnet die Ausstellung das Leben zweier entgegengesetzter Charaktere, die aber doch eine Leidenschaft teilten. Philipp Rosenthal sen. nahm den klassischen Weg eines Selfmade-Erfolgsmannes. 1872 wanderte er im Alter von 17 Jahren nach Amerika aus, um sich dort vom Tellerwäscher zum Mitarbeiter einer Porzellanimportfirma hochzuarbeiten.

Bezahlter Urlaub


Zurück in Deutschland richtete er 1880 im Schloss Erkersreuth bei Selb seine eigene Porzellanmalerei ein, um bereits 1891 seine eigene Fabrik zu gründen. Die Philosophie, die Qualität und nicht den Preis in den Vordergrund zu stellen hat sich bis heute erhalten.

Außerdem war er ein feiner Beobachter des Marktes und hatte ein feines Gespür für den Geschmack der Menschen. Für damalige Zeiten visionär: Als erster Privatunternehmer richtete er eine eigene Kunstabteilung ein. Charakteristisch für seine Produkte war auch der Schriftzug des Unternehmens auf jedem Produkt - eine starke Markenbildung für diese Zeit. 1916 brachte Rosenthal die Porzellanform "Maria" auf den Markt - die erste rein weiße Serie, die sich zur umfangreichsten und meistverkauften entwickelte. Die Geschichte zeigt den Porzellanmagnaten zwar oft als patriarchischen Autokraten, der aber für seine Mitarbeiter eine ausgeprägte Fürsorge an den Tag legte.

Schon 1905 gab der Unternehmer seinen Mitarbeitern, die zu den bestbezahltesten der Branche gehörten, bezahlten Urlaub gab. Frauen gewährte er Mutterschutz, lange bevor es gesetzliche Regelungen zu diesem Thema gab, finanzierte Kinderkrippen und die Anlage von Schrebergärten und schuf Wohnraum, den er zu niedrigen Zinsen an seine Mitarbeiter vermietete. Obwohl Rosenthal seinem Unternehmen zu Weltruf verholfen hatte, musste er aufgrund seiner jüdischen Herkunft den Firmenvorsitz aufgeben. Der Betrieb wurde dennoch nicht eingestellt. Auch als der Firmenchef 1937 verstarb.

Ein Querdenker


Sein Sohn begann seine Laufbahn 1950 - als Werbeleiter. Aber schon 1952 übernahm der junge Mann die Leitung der Produktgestaltung. Als visionärer Manager, Querdenker, Kosmopolit und Kunstkenner mischte er nicht nur das Portfolio der eigenen Fabrik auf, sondern wirbelte gleich die gesamte Wohnkultur durcheinander.

Vom Vater hatte der Sohn die Empathie für Märkte und Menschen geerbt. Hinzu kam seine Kompetenz der Kommunikation mit der Öffentlichkeit. So gestaltete er das Image des Unternehmens völlig neu und machte aus einer Porzellanfabrik einen Vorreiter internationalen Produktdesigns, der sich nicht vor avantgardistischen Experimenten scheute. Bis heute hat Rosenthal 450 Designpreise gesammelt.

Stets suchte er den Kontakt zu den bedeutenden Künstlern seiner Zeit - und stieß auf Gegenliebe. Von Tapio Wirkkala, Björn Wiinblad, Henry Moore und Salvador Dali. Auch bei den Entwürfen seiner Firmengebäude arbeitete der Junior nur mit den Größten zusammen: Walter Gropius, Friedensreich Hundertwasser, Otto Piene oder Marcello Morandini.

Markenbildung


Schließlich bezog der begeisterte Wanderer und Sportler Glas, Besteck, Keramik und ausgewählte Möbel in seine Produktpalette auf. So festigte er das Image eines innovativen "Unternehmens für Wohnkultur", mit eigenständig operierenden Einzelgesellschaften.

Ein großes Augenmerk richtete der kreative Unternehmer der Bildung einer starken Öffentlichkeitsarbeit. Mit seinem Buch "Das Markenbild von heute ist der Umsatz von Morgen" gelang ihm ein echter Fach-Bestseller.

Wie sein Vater hatte der Sohn ein großes Verantwortungsgefühl für seine Mitarbeiter und führte als einer der ersten Unternehmer 1963 ein Beteiligungsmodell für seine Arbeitnehmer ein. Beim Bau neuer Produktionsstätten legte er größten Wert auf arbeitnehmerfreundliche Arbeitsplätze.

Dieses Engagement gipfelte in seinem Weg in die Politik. So füllte er ein Bundestagsmandat für die SPD aus und war später auch als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Karl Schiller tätig. Philip Rosenthal jun. starb 2001 in Selb.

ServiceAusstellung: "Rosenthal - Ein Mythos. Zwei Männer schreiben Geschichte". Bis 13. November.

Porzellanikon Selb , Werner-Schürer-Platz 1, 95100 Selb, Telefon: 09287/91800-0. E-Mail: info@porzellanikon.org
Porzellanikon Hohenberg, Schirndinger Straße 48, 95691 Hohenberg an der Eger, Telefon: 09233/7722-11, E-Mail: dpm@porzellanikon.org

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.
Weitere Informationen auf www.porzellanikon.org


Wir sind viel gewandert, nicht nur um des Wanderns willen. Er wollte, dass wir unsere Umwelt bewusst wahrnehmen, anstatt sie nur schnell vorbeiziehen zu lassen.Shealagh de Beurges Rosenthal, Tochter von Philip Rosenthal jun.
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