Menschlichen Dämonen auf der Spur

Kultur
Bayern
15.12.2015
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Auch wenn das neue Tanzstück "Latent" heißt, bleibt es nicht lange verborgen: Goyo Montero hat sich für sein erstes sinfonisches Ballett bestens vorbereitet. Er schmökerte unter anderem in Büchern über psychische Phänomene wie Paranoia und Schizophrenie.

Nürnberg. Montero befasst sich in der Vorbereitung auf das Ballett auch mit bipolaren Persönlichkeitsstörungen und er informiert sich in Oliver Sacks Werk über Menschen mit Halluzinationen. Außerdem begleitet er einen Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg, um den inneren und äußeren Dämonen auf die Spur zu kommen. Seine Eindrücke und Erkenntnisse verarbeitet er zu einer "getanzten Lehrstunde in Sachen Tiefenpsychologie", für die der Ballettchef bei der Uraufführung im Nürnberger Opernhaus stürmischen Beifall erhält.

Reise ins Unterbewusste


"Der Mann" sitzt zu Beginn in einer kargen Zelle. Sein Körper windet sich. Scheinbar schwerelos huscht er die Mauer empor oder schlängelt sich über eine Stuhllehne. Sein Kopf knallt - wie von magnetischen Kräften bewegt - auf die Tisch-Oberfläche. Er scheint zu fallen. Ein unergründliches Loch der Finsternis verschlingt ihn, und eine spannende Reise ins Unterbewusste beginnt.

Neun Szenen lang gelingen Goyo Montero immer wieder beeindruckende Bilder, unterstützt durch eine raffinierte Lichttechnik von Olaf Lundt und die düstere Atmosphäre, die Eva Adler auf die Bühne zaubert. So entstehen filmreife Momente, die an den US-amerikanischen Psychothriller "Shutter Island" erinnern, wo ebenfalls Realität und Wahnvorstellung miteinander verschmelzen.

Wie schon bei Monteros Ballettstück "Cyrano" in der vergangenen Spielzeit bilden Computer-Sound und französische Klangkunst einen hörenswerten Kontrast. Owen Belton programmiert eine elektronische Collage aus traditionellen Tönen wie Streicher, Klarinetten oder Glocken, arbeitete aber auch menschliche Stimmen, Gelächter oder ungewöhnliche Geräusche wie die eines Brennofens mit ein, "um ein Gefühl von Instabilität zu vermitteln", wie der Kanadier im Programmheft verrät.

Als musikalischer Gegenpol dient "Die Symphonie Fantastique" op. 14, die Hector Berlioz als 27-Jähriger komponierte. Die Staatsphilharmonie Nürnberg unter Leitung von Gábor Káli meistert die leidenschaftlichen und überbordenden Sätze, von der Walzer-Seligkeit über pastorale Stille bis hin zum diabolisch-bebenden Finale, akzentuiert und ausgewogen. Sowohl musikalisch als auch tänzerisch genial wird das Leitmotiv, die "idée fixe" der "Geliebten" in den einzelnen Sätzen und Szenen umgesetzt.

Der Dialog zwischen Englischhorn und Oboe wird jäh unterbrochen, als die Geliebte auftritt. Ihr Verehrer zweifelt an ihrer Treue, Cluster-Akkorde von vier Pauken erzeugen dazu ein warnendes Donner-Grollen. Sayaka Kado, seit Monteros Start in Nürnberg 2008 festes Mitglied beim Corps de ballet, gestaltet die "idée fixe" selbstbewusst und resolut. Der schwedische Tänzer Max Zachrisson lässt sich willig von ihr führen, ohne auf eigene artistische Akzentsetzungen zu verzichten.

Menschliche Abgründe


Insgesamt ein gelungener Blick in die menschlichen Abgründe. Man darf gespannt sein, ob Goyo Montero, der Meister des Dunklen und Melancholischen, auch einmal die hellen Seiten des Seins beleuchtet. Statt Schattenspiel und schwarz wallender Stoffe ein Rausch aus erfüllter Lebenslust und existenzieller Freude. Auch dazu gäbe es eine Menge Literatur und medizinisches Know-how, das man der Latenz tänzerisch entreißen könnte.
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