Musical Chicago im Deutschen Theater
Von der Mörderin zum Showstar

Der skrupellose Star-Anwalt Billy Flynn (Livio Cecini, Mitte) lässt die Puppen tanzen. Bilder: eventpress/Stage
Kultur
Bayern
11.03.2016
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Roxie Hart (Carien Keizer) ist nur eine Marionette des windigen Anwalts (Nigel Casey).

München. Chicago ist die windige Stadt. Und sie hat einen Staranwalt, der wie die Faust aufs Auge zu ihr passt. Billy Flynn geht es ausschließlich um seine Mandanten. Aber auch ein bisschen um Geld, Sex und Macht. Er nimmt mit, was er kriegen kann. Und das ist so einiges. All that Jazz.

Die Szenerie ist düster - so wie der Karriereplan von Roxie Hart (Carien Keizer) und Velma Kelly (Caroline Frank) im Show-Biz der 1920er Jahre. Die Mörderinnen wollen die Aufmerksamkeit durch ihre Gerichtsprozesse nutzen. Frauen werden eh nicht verurteilt und nach dem erwarteten Freispruch soll ihre neue Popularität ihre Karrieren als Entertainer wieder ankurbeln.

Bei seiner Rückkehr nach München ins Deutsche Theater hat das "schwarze Musical" Chicago seit 2000 nichts von seiner Energie und Strahlkraft eingebüßt. In der stilvollen Ausstattung, ganz in schwarz gehalten, und mit einem Humor, der um keine Nuance heller ist, lässt die deutsche Inszenierung das Premierenpublikum nicht los. Der Broadway-Dauerbrenner ist sexy, böse und brutal schonungslos. Um brillante Songs wie "All der Jazz" und "Ich bin mein bester Freund" baut der künstlerische Leiter Alexander Grünwald erotische Tanzeinlagen, überraschende Wendungen und Slapstick. All dies mit einem Wortwitz, bei dem es keinen Nebensatz gibt, der nicht mit einer gemeinen Spitze oder einem sarkastischen Wortspiel endet.

Auch Roxie und Velma - Keizer und Frank harmonieren prächtig - lernen im Gefängnis das Spiel mit der Lüge. Klar, beide Show-Sternchen haben ihre Liebhaber umgebracht und sind schuldig. Geschenkt, wenn man die richtigen Leute kennt. Wie Knast-Matrone "Mama" Morton (Isabel Dörfler) oder den opportunistischen Winkeladvokaten Billy Flynn (herrlich schmierig: Livio Cecini).

Lasterhafte Lebensregeln


Das Duo zeigt ihnen die Regeln in der "Sin City", in der ein lasziver, jazziger Wiegeschritt und ein wunderbarer Charleston-Rhythmus sich fast bis in die DNA einprägen und den Takt vorgeben. Es scheint zu klappen: Roxie wird in den Medien als "Jazz-Mörderin" gefeiert. Auch für Velma sieht es zunächst gut aus. Gerade hier ist das Musical von John Kander und Fred Ebb zeitkritischer denn je. Flynn und seine Knastvögelchen instrumentalisieren die Presse und die Öffentlichkeit mit hanebüchenen Lügen. Und mit Erfolg, denn nur der Schein zählt.

Mit wenigen clever gesetzten Licht- und Farbeffekten und zwei riesigen Bilderrahmen als einzige Dekoration - einer über die komplette Bühne und einer als Umrahmung des umwerfenden 15-köpfigen Live-Orchesters - zeigt die schwungvolle Inszenierung ein dunkles, zeitloses Sittenbild im goldenen Rahmen. Nur im inneren Bild, oft im einseitigen Gespräch mit Dirigent und musikalischem Leiter Jochen Kilian, lassen die harten, egoistischen Charaktere hinter ihre Fassaden blicken. Hoffnungslose Verlierer punkten groß in diesem kleinen Rahmen. Wie Roxies gehörnter "Schussel-Dussel-Mann": Volker Metzger sorgt als Amos Hart mit dem Song über den "durchsichtigen" Loser ("Mister Zellophan") für den Gänsehaut-Moment des Abends.

Im Sumpf der Lügen, Täuschungen und Gemeinheiten, aus dem alle irgendwie heil herauskommen, ist es am Ende ausgerechnet der skrupellose Flynn, der die Wahrheit sagt. Mit der ultimativen Kritik an der Glitzerwelt des Show-Geschäfts der sündigen Stadt: "Deine Berühmtheit ist hohl - und so ist Chicago."

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter Telefon: 0961/85-550, 09621/306-230 oder 09661/8729-0
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