Nachruf auf Joditzer Jean-Paul-Museumsgründer Eberhard Schmidt
Vom Wunder des Lesens berührt

Eberhard Schmidt war zeit seines Lebens großer Anhänger und Verehrer Jean Pauls. Bild: Setzwein
Kultur
Bayern
02.02.2016
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Seine Faszination für den großen deutschen Schriftsteller Jean Paul hat ihn dazu gebracht, ein Museum zu Ehren des Dichters zu eröffnen und sein Leben voller Hingabe und Leidenschaft dem Schriftsteller zu widmen. Nun ist der Joditzer Museumsgründer Eberhard Schmidt überraschend gestorben.

Joditz. Begonnen hat alles damit, dass Eberhard Schmidt einen Spruch brauchte, ein schönes Zitat, einen Slogan. Er wollte damit seine Drucksachen schmücken, Werbeanzeigen, Rechnungen, Briefbögen, alles was man halt so braucht, wenn man eine Buchhandlung eröffnet. Und da dies in der Jean-Paul-Stadt Hof geschah, im Jahre 1980 war das, sollte es natürlich ein Zitat des großen Dichters und Sohnes der Stadt sein.

Begeistert von Anfang an


Da habe er angefangen, Jean Paul zu lesen, hat Eberhard Schmidt später immer wieder erzählt. Und nicht mehr aufhören können. Er ist der Sprachgewalt dieses wunderlichen Autors vollkommen erlegen. So sehr, dass er schließlich ganze Absätze auswendig aufsagen konnte. Eine beträchtliche Leistung, wie jeder beurteilen kann, der schon mal versucht hat, sich in den ungeheuren Bandwurmsätzen Jean Pauls zurechtzufinden. Zeuge dieser bemerkenswerten Belesenheit konnte jeder werden, der das Ehepaar Schmidt einmal in Joditz (Landkreis Hof) besucht hat.

Das mit der Buchhandlung in Hof war nämlich nur eine Zwischenstation auf dem Lebensweg von Eberhard Schmidt, der letzten Endes dahin führen sollte, der einzig legitime Statthalter des vor 191 Jahren verstorbenen Dichters auf dieser oberfränkischen Erde zu werden. Er gab die Buchhandlung auf, als er erfuhr, dass ausgerechnet in Joditz ein Haus zum Verkauf stünde, das noch dazu auf dem Grund des ehemaligen Pfarrgartens steht. Diese Nachricht hat Schmidt deshalb so elektrisiert, weil sich ihm damit die Chance bot, den Wirkungsorten jenes Menschen noch näher zu sein, der längst zum Mittelpunkt seiner, mit bedingungsloser Leidenschaft betriebenen, Sammel- und Forschertätigkeit geworden war. Jean Paul verbrachte schließlich elf Jahre seiner Kindheit in Joditz, die "glücklichste Zeit" seines Lebens, wie er selber schreibt.

1765 trat Jean Pauls Vater die Pastorenstelle in Joditz an. Man wohnte im Pfarrhof gleich neben der Kirche, schräg gegenüber lag der Pfarrgarten. In dem wurde später das sogenannte Weberhäuschen hineingebaut, in das 1998 das private, vom Ehepaar Schmidt gegründete "Joditzer Jean-Paul-Museum" einzog. "So voll, wie die Pfarrkirche damals bei der Museums-Einweihung war, war sie vielleicht noch nie", erzählte Eberhard Schmidt immer wieder stolz, und er hatte ja auch recht: In der gesamten Geschichte des 350-Seelen-Dorfes dürfte es kam ein zweites Ereignis gegeben haben, das Joditz so in den Mittelpunkt gestellt hat, wie die Eröffnung des Jean-Paul-Museums.

Führung voller Hingabe


Seitdem sind nicht nur Journalisten aller großen deutschen Zeitungen hier gewesen, es kamen auch Hunderte von Besucher, ganze Schulklassen, aber auch immer wieder Nobilitäten, wie etwa der Jean-Paul-Preisträger Uwe Dick, der in der Pfarrkirche eine Lesung hielt. Dort, in der Johanneskirche, begann auch die Führung, die Eberhard Schmidt jedes Mal wieder, wenn sich jemand bei ihm anmeldete, voller Hingabe und Leidenschaft gestaltete. Dann zitierte er auswendig ganze Passagen aus Jean Pauls "Selberlebensbeschreibung", nämlich wie der als Bub oben von der Orgelempore herab nicht etwa der Predigt des Vaters folgte, sondern lieber "seine erste Geliebte, die blatternnarbige Augusta", das Nachbarsmädchen, beobachtete. Zu allem wusste er kleine Anekdoten und Geschichten, so etwa zu der Christusfigur auf dem Schalldeckel der Predigerkanzel. Die hat nämlich ein komplett entblößtes Hinterteil, was man aber nur vom Altar aus sieht.

Ein Freund von genau solchen Skurrilitäten war ja auch Jean Paul. Und deshalb hatte man wohl auch den Eindruck, niemand kann die Welt, die Lebenssicht, die Art von Poesie, die diesen Sonderling aus der fränkischen Provinz ausmachte, besser vermitteln und erklären als Eberhard Schmidt. Ja, er kam einem manchmal vor, mit seiner Nickelbrille und seinen farbenfrohen Hosen, wie selber aus einem Jean-Paul-Roman entsprungen. Dort wimmelt es ja auch nur so vor eigenwilligen Käuzen, Sammlern und Archivaren, Privatgelehrten mit abseitigen Interessensgebieten.

Die haben allerdings oft etwas Eigenbrötlerisches, ja Einsiedlerisches an sich. Das war Eberhard Schmidt ganz und gar nicht, sondern vielmehr ein äußerst kontaktfreudiger Netzwerker, dem es vor allem um eines ging: die Gemeinde der Jean-Paulianer erstens zu vergrößern und zweitens sie untereinander bekannt zu machen. Und dazu war ihm jedes Mittel recht. So zum Beispiel auch die Idee des Jean-Paul-Wanderweges, die er und seine Frau Karin im Grunde als erste hatten und die auch die erste Etappe realisierten, nämlich von Joditz nach Hof, eine Strecke, die Jean Paul als Kind oft selbst ging.

Pilgerort Joditz


Heute säumen den Weg alle zwei, drei Kilometer Tafeln mit Zitaten aus Jean-Paul-Werken. Seinen Endpunkt hat der Wanderweg mittlerweile hinter Bayreuth, in Sanspareil. Das Jahr 2013 mit seinem Mammutprogramm zum 250. Geburtstag des Dichters hatte Joditz noch einmal zum Pilgerort aller Jean-Paul-Liebhaber gemacht. Nirgendwo anders kommt man ihm auch dermaßen nahe, als in dem kleinen Dorf nördlich der A 72 bei Hof. Das hat Eberhard Schmidt sichtlich angestrengt. Man merkte ihm eine gewisse Überforderung an. Die vielleicht noch lastender wurde wegen der bangen Gedanken, die er sich machte, wie es wohl mit seinem Museum einmal weitergehen würde.

Vergangene Woche ist Eberhard Schmidt nun überraschend verstorben, mit 71 Jahren. Der Wahlspruch von Jean Paul übrigens, den er damals für seine Buchhandlung gewählt hat, lautete: "Lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über Sterne." Eberhard Schmidt jedenfalls hat seine Jean-Paul-Lektüre sternenweit geführt und ihm ferne, neue Welten eröffnet. Dass dieses Wunder des Lesens möglich ist, dafür war sein Leben ein leuchtendes Beispiel.

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Weitere Informationen:

www.jean-paul-museum.de
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