"The Sisters of Mercy" in München
„Sisters“-Comeback mit Donnerschlag

Dichter Trockeneis-Nebel, Stroboblitze und Lichtreflexe, die auf der verspiegelten Brille Andrew Eldritchs (links) blitzen: Nach Jahren, in denen es ruhig um "The Sisters of Mercy" geworden war, feierte die Dark-Wave-Kultband nun ein starkes Live-Comeback. Bild: Tobias Schwarzmeier
Kultur
Bayern
21.03.2016
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München. Sie sind wieder da. Die beiden Lichtreflexe, die wie dämonische Augen aussehen, und die aus dem dichten Nebel blitzen. Die meisten Fans haben "The Sisters of Mercy" und den Mann mit der verspiegelten Brille lange nicht gesehen. Zunächst ändert sich auch beim Münchener Konzert daran wenig.

Es ist wie eine Jagd im Nebel. Doch wer jagt hier wen? Andrew Eldritch macht seine Spielchen. Mit den Fotografen. Mit dem Publikum. Immer wieder verschwindet der Frontmann für lange Momente im Hintergrund. Die Sicht auf die Bühne reicht kaum einige Meter weit. Oft sieht man nur seine Silhouette, manchmal erscheint sein Gesicht in den Strahlen des Strobolichts. Er ist nicht zu fassen.

Als schon beim Intro mit dem Kracher "More" die Jahre von den Fans abfallen und sich die Tonhalle immer weiter mit Nebelschwaden füllt, scheint es: Es hat sich - glücklicherweise - nicht viel verändert seit den 80ern, in denen Eldritchs Projekt zu einer Ikone des Dark Waves wurde. Und in denen die Band den heutigen Gothic Rock inspirierte, auch wenn Eldritch dies stets energisch bestreitet. Auch gegen den Begriff "Kultband" würde er sich wehren, sollte man ihn in einem der seltenen Interviews danach fragen. Doch das sind die Sisters längst.

Theatralisch inszeniert


Die Fans von damals sind etwas älter geworden, aber auch neue dazugekommen. Ein neues Album vom so begnadeten Songwriter und seinen wechselnden Mitstreitern gibt es seit 1993 nicht, vielleicht auch nie wieder. Trotzdem hatten Bootlegs, Remixes und sporadische Auftritte die Fans bei der Stange gehalten. Jetzt sind die Sisters für fünf Deutschlandkonzerte wieder da. Wie immer mit unendlich viel Trockeneis-Dunst und einigen effektvollen Lichteffekten. Der exzentrische Brite inszeniert sich theatralisch wie eh und je - als nebulöse, undurchschaubare Schattenfigur.

Eldritch reist mit leichtem Gepäck und Minimal-Besetzung: Zwei Gitarristen und "Doktor Avalanche" - die nostalgisch klingende Drum-Maschine, die in der Band immer schon einen menschlichen Schlagzeuger ersetzte. Das reicht. Auch mit Worten ist er sparsam. Ein knappes "Schön, dass ihr da seid" braucht die meisten an diesem Abend bereits auf.

Nach einiger Aufwärmzeit aber scheint sein Adrenalinspiegel den richtigen Level erreicht zu haben. Nun pusht er das Tempo. Der notorische Doktor hämmert den Beat, die beiden starken Gitarristen Chris Catalyst und Ben Christo machen Dampf. Die Sisters powern durch ein Programm aus einem "Best of" jener stilistisch komplexen Musik, die einfach nur elektrisiert. Und deren elegische Texte durch Eldritchs schneidende Stimme düster, poetisch, emotional und doch zugleich kalt daherkommen.

Jihad der Schwesternschaft


Das Publikum geht begeistert mit, während sich Hits wie "Dominion/Mother Russia" oder "Lucretia, My Reflection" aneinanderreihen, veredelt mit seltener gespielten Titeln wie etwa "Jihad" aus seiner "Sisterhood"-Phase. Und doch ist etwas anders. Der einstige gehetzte Gesang ist etwas entspannter geworden, der gradlinige Rhythmus einem Strom aus dosierten Impulsen gewichen. Treibend, einprägsam.

Jedoch: Hits aus den - für den Mainstream-Geschmack gefälligeren - Schaffensphasen fehlen. Die Fans vermissen mit zunehmender Konzertdauer die geniale Ballade "Marian" oder das nie offiziell veröffentlichte "We Are The Same, Susanne". Er wird sie nicht spielen. Ob es daran liegt, dass die Stimme des 56-Jährigen bei den fordernden Tracks mittlerweile an Grenzen stößt, er - wie für "Under The Gun" - keine Duettpartnerin dabei hat oder er einfach nur zurück zu seinen Wurzeln will. Wir werden es nicht erfahren.

Die Zuhörer bekommen keine Zeit, dies zu bedauern. Mit einem kaum zu überbietenden, furiosen Finale aus den Klassikern "Vision Thing", "First and Last and Always", "Temple of Love" und "This Corrosion" setzt er einen denkwürdigen Schlusspunkt. Und verschwindet wieder im Nebel. Rückkehr ungewiss. Sollte er wiederkommen, werden seine Fans da sein.
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