50 Kilometer zur Entbindung?

Martin Schmid (Klinikum Fichtelgebirge), Hermann Dederl (Klinik Münchberg), MdB Emmi Zeulner, Landrat Dr. Karl Döhler, Alexander Meyer (Klinikum Fichtelgebirge), Brigitte Angermann (Klinikum Kulmbach), Christine Waterloo (Pflegedienstleitung Haus Marktredwitz) und Karlheinz Dachs (Pflegedienstleitung Haus Selb) bei der Diskussion um die Krankenhausreform. Bild: hfz
Lokales
Bayern
10.08.2015
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Noch ist nichts entschieden, doch das geplante Krankenhausstrukturgesetz provoziert bereits lautstarke Protestaktionen. Auch im Fichtelgebirge.

Um die Befürchtungen und Anliegen der Kliniken auf einer zusätzlichen Ebene zu kommunizieren, hatten Vertreter der hochfränkischen Kliniken ihre Bundespolitiker eingeladen.

Hermann Dederl, Geschäftsführer der Klinik Münchberg, benannte das grundsätzliche Problem: "Die Hälfte der bayerischen Krankenhäuser schreibt seit drei Jahren rote Zahlen; wenn dieses Gesetz so kommt, wird die Lage noch schlimmer." Seine Kollegin Brigitte Angermann (Kulmbach) fügte hinzu, dass die Kompensation der Tarifsteigerungen und ständig höheren Energiekosten eine Klinik in den letzten Jahren im Schnitt 23 Vollzeitkräfte gekostet habe - alles zulasten der Patienten.

MdB Emmi Zeulner nannte als grundsätzliches Anliegen der Politik, die Qualität in den Krankenhäusern zu verbessern, die Versorgung im ländlichen Raum sicherzustellen und dort Kapazitäten abzubauen, wo Überversorgung herrsche. Es gäbe in manchen Regionen ein Überangebot an Krankenhausbetten. Dort brauche man eine Bedarfsanalyse an deren Ende auch die Schließung einzelner Krankenhäuser kein Tabu sein dürfe.

Dass man dabei auch zwangsläufig Kliniken auf dem Land benachteiligt, sei nicht hinnehmbar, waren sich die Vertreter der Krankenhäuser einig. So würden durch geplante Mindestmengenregelungen gerade die zertifizierten Zentren an kleineren Häusern, die die geforderten Patientenzahlen nicht mehr aufweisen können, in Bedrängnis geraten. Und falle der bisherige Versorgungszuschlag, würden Kliniken auf dem Land noch weiter in die roten Zahlen rutschen.

Die Krankenhausdirektoren forderten einen Sicherstellungszuschlag für Bereiche, die zwar absolut notwendig, aber nicht finanzierbar sind - Paradebeispiel Geburtshilfe. "Die rund 400 Geburten im Jahr reichen bei Weitem nicht aus", erläuterte Geschäftsführer Martin Schmid. "Sollen wir zumachen? Erklären Sie einer Schwangeren, dass sie 50 Kilometer zum Entbinden fahren muss!" MdB Dr. Hans-Peter Friedrich versicherte, dass die Erreichbarkeit gerade einer geburtshilflichen Abteilung auch ein Anliegen der Politik sei.

Große Sorgen bereiten den Klinikchefs auch die steigenden Fallzahlen in den Notaufnahmen. Weil es für die Patienten in ländlichen Regionen wesentlich leichter sei, gleich ins Krankenhaus statt zum zuständigen Bereitschaftsarzt zu fahren, stecke man auch hier wieder in einer Kostenfalle. "Ein Patient in der Notaufnahme kostet uns 118 Euro, vergütet werden davon 32."

Grundsätzlich versicherten die Vertreter des Bundestags ihr Verständnis für die prekäre Situation der Kliniken und auch der Landkreise, die für die Defizite aufzukommen haben. Dr. Friedrich formulierte zwei Hauptanliegen der Politik sowohl auf Bundes- als auch auf kommunaler Ebene: "Wie zwingen wir Krankenhäuser dazu, ihre Potenziale wirklich auszuschöpfen? Und wie erklärt man der Bevölkerung, dass man nicht überall alles anbieten kann?" Schwierig werde eine Einigung auf einen gemeinsamen Gesetzentwurf auch deshalb, weil sowohl Bund als auch alle Länder mitzureden hätten.

Die Klinikchefs wünschten sich vor allem: "Nicht noch mehr Vorschriften, die nicht gegenfinanziert werden". Und eine Bitte gaben sie den anwesenden Politikern mit: "Durchforsten Sie den Entwurf für das neue Krankenhausstrukturgesetz und kämpfen Sie gegen die Fallstricke für den ländlichen Raum!"
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