Bariton Christian Gerhaher ist der derzeit wohl gefragteste Liedsänger weltweit und gilt als ...
Betörender Interpret des Ungefähren

Lokales
Bayern
25.04.2015
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Das Staatsorchester im Münchner Nationaltheater faucht und lärmt. An der Rampe der Bühne windet sich Christian Gerhaher, er geht volles Risiko, schreit die Worte geradezu heraus - "und in dem Sturm und Wogenprall, in diesem Krieg aller Kriege, bleibt nichts als Bankrott und Schande". Karl Amadeus Hartmanns apokalyptische Gesangsszenen zu "Sodom und Gomorrha" von Jean Giraudoux sind dem berühmten Bariton wie auf den Leib geschrieben. Musik interessiere ihn nur, "wenn sie einen existenziellen Anspruch hat", bekennt er in einem jüngst erschienenen Interview-Band, in dem er der Musikwissenschaftlerin Vera Baur mit bemerkenswerter Offenheit Rechenschaft über sein bisheriges künstlerisches Schaffen ablegt.

Fans stehen Schlange

Gerhaher steht im Zenit seiner Karriere. Vor allem als Liedsänger, aber auch als Interpret ausgewählter Opernrollen, macht der 45-Jährige allein oder zusammen mit seinem kongenialen Klavierpartner Gerold Huber weltweit Furore. Wo sein Name auf den Plakaten steht, reißen sich die Musikfans um Karten. Längst gilt Gerhaher als legitimer Erbe von Dietrich Fischer-Dieskau, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Kunstliedgesang von spätromantischem Ballast befreite und besonderen Wert auf die psychologische Durchdringung der Liedtexte legte. "Die säkulare Haltung, wie sie Dietrich Fischer-Dieskau etabliert hat, empfinde ich immer noch als das Richtige", sagt er. Dabei wirkt Gerhahers Kunst beinahe noch zwingender als die Interpretationen des 2012 verstorbenen Fischer-Dieskau. Gerhaher gestattet sich keine "Mätzchen, Verniedlichungen und Popularisierungen", wie er selbst sagt. "Ich bin da angelangt, wo ich die Distanz im positiven Sinn und auch maximal im Griff habe", beschreibt er seine künstlerische Verfassung. Was nicht zu ergründen ist, lässt er stehen. "Es muss ein gewisses Geheimnis bleiben, auch um dauerhaftes Interesse erhalten zu können."

Nerv der Zeit

Doch ist die Verehrung, die Gerhaher bei großen Teilen des Publikums genießt, mit seiner Gesangskunst, seinem noblen, unglaublich fein nuanciertem Bariton, nicht vollständig zu erklären. Die Menschen hängen nicht nur an seinen Lippen, wenn er singt, sondern auch, wenn er sich "als Münchner Bürger" zu Wort meldet, wie jüngst in der Diskussion über einen neuen Konzertsaal. Mit seinem bescheidenen Auftreten und dem Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit trifft Gerhaher offenbar einen Nerv der Zeit. Er beansprucht nicht, im Besitz der Wahrheit zu sein, fordert aber, bedingungslos nach ihr zu suchen. Geboren in Straubing will Gerhaher zunächst Arzt werden und beginnt ein Medizinstudium. Ein Foto zeigt ihn bei einer Famulatur im Straubinger Krankenhaus am OP-Tisch und - sichtlich erschöpft - bei einer Nachtschicht. Parallel studiert er an der Musikhochschule in München Gesang, besucht Meisterkurse unter anderem bei Fischer-Dieskau, der ihm zunächst rät, doch lieber Arzt zu werden.

Später revidierte das große Vorbild sein Urteil, "was mir doch sehr gut tat", sagt Gerhaher. 1998 schließt er das Medizinstudium ab und gewinnt im gleichen Jahr einen wichtigen Musikpreis. Es ist der Startschuss für die Solokarriere.

Mit erstaunlicher Offenheit berichtet er in dem Gesprächsband über Glücksmomente auf der Bühne, aber auch über Zweifel und Ängste einer Künstlerexistenz, etwa der Angst, seinen Text zu vergessen. "Verheerend und quälend" sei das, klagt er und konstatiert, seit er die Texte neben sich aufs Pult legt, einen "enormen Zugewinn an Lebensfreude".
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