Blick eines Schelms

Dr. Eva Winisch (Bild) aus Regensburg beschäftigte sich mit dem "Schelm" Kaschpar Theophil Kaczmarek aus dem Roman "Ostwind". Bild: privat
Lokales
Bayern
31.10.2014
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Der beinahe vergessene Roman "Ostwind" stand im Mittelpunkt eines Treffens im "Literarischen Café" im Egerland-Kulturhaus. In "Ostwind" lässt Autor August Scholtis einen Schelm hinter die Fassaden der Mächtigen blicken.

Mit der Sprachgewalt und Skurrilität eines Günter Grass haben Kritiker August Scholtis' Schelmenroman "Ostwind" schon in Verbindung gebracht. Und doch war ihm nie ein wirklicher, langanhaltender Erfolg beschieden. Im "Literarischen Café", veranstaltet von der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Wunsiedel (KEB) und der Ackermanngemeinde, fand das Werk aus dem Jahr 1932 nun für einen Nachmittag die verdiente Aufmerksamkeit.

Die Germanistin und Romanistin Dr. Eva Winisch aus Regensburg erweckte die Hauptfigur des Romans, den "Schelm" Kaschpar Theophil Kaczmarek, zum Leben, der sich in den Jahren um den Ersten Weltkrieg als Lumpensammler und Gelegenheitstrompeter in Oberschlesien durchschlägt.

Ein mittelloser, hellsichtiger Mensch, der, so Winisch, "die Fassaden, das Pathos und das alles durchdringende Machtstreben seiner Mitmenschen durchschaut und bloßstellt." Am Ende, so die Referentin, stehe ein gewisser Fatalismus des Protagonisten: Er wisse nun, dass die einfachen Leute immer und überall von den Besitzenden benutzt und ausgebeutet werden. Kaczmareks Sicht auf die Welt sei gekennzeichnet von einer Art resignierter Leichtigkeit: Auch seine Worte, seine Erkenntnisse werden nichts an den Verhältnissen ändern.

Notizen zerstört

Eine Parabel auf den Autor selbst? August Scholtis' "Ostwind" verschwand in der Versenkung, weil er sich nicht kritiklos dem Naziregime unterwarf, und nach dem Krieg waren alle seine Aufzeichnungen und Notizen verschwunden oder zerstört. Auch die Neuauflage seines Romans im Jahr 1970, ein Jahr nach Scholtis' Tod, interessierte die Wenigsten: Das Oberschlesien Kaschpar Theophil Kaczmareks gab es da schon lange nicht mehr.
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