Der Rumor tobt in unserer Gesellschaft

Das drohende Grauen als Livestream: Der Zuschauer nimmt mit Hilfe von Kameras teil an der Geschichte des ewigen Assistenten Michael Weber, der Ehefrau und Tochter ins Jenseits befördert. Warum? "Aus Liebe", meint Autor Peter Turrini. Bild: Marion Bührle
Lokales
Bayern
06.12.2014
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Ein Doppelmord in Wien 2008 hat den Autor Peter Turrini zu seinem Stück inspiriert. Auf die Frage nach dem Motiv antwortete der Täter damals: "Aus Liebe." In Nürnberg feierte Turrinis Stück mörderisch gut seine Deutschland-Premiere.

Ein Familienvater tötete damals seine Frau, die siebenjährige Tochter und die Schwiegereltern mit einer Axt. Als er nach dem Grund gefragt wurde, antwortete er wortkarg: "Aus Liebe". In der gleichnamigen Theaterfassung, die nun als deutsche Erstaufführung im Nürnberger Schauspiel zu sehen war, beschäftigt sich Turrini mit Gewalttaten, die scheinbar aus dem Nichts kommen. Wobei er im Interview erklärt: "Der Rumor tobt in einer Gesellschaft in Form von inwendigen Grollansammlungen. Das macht Mord. Oder Amokläufe."

"Aus Liebe" erzählt einen Tag im Leben eines Mörders. In 22 Kurzszenen treten die skurrilsten Personen auf: Eine vereinsamte Witwe, die Zweisamkeit sucht und sich an Torten wildfremder Herren bedient. Ein Kundenberater eines Baumarktes, der zum billigen Regalbetreuer herabgestuft wurde und gar nicht argwöhnisch wird, wenn er einem Mörder eine Axt verkauft. Eine einheimische Prostituierte, die immer wieder von "Osthuren" verdrängt und um ihre Einkünfte gebracht wird. Oder eben Michael Weber, ewiger Assistent im Parlament, dessen Frau sich von ihm trennen wird. Weber beschließt, sie und die gemeinsame Tochter zu töten - aus Liebe.

Kalte Gesellschaft

Regisseur Markus Heinzelmann legt in Nürnberg geschickt und überzeugend die Kälte der Gesellschaft bloß. Mit unzähligen Videokameras rückt er den Protagonisten auf die Pelle und macht ihr Handeln auf Leinwänden für alle sichtbar. Auch die Bühne (Gregor Wickert) wird zum technischen Wunderwerk. Unterschiedliche Ebenen heben und senken sich, lassen die Short Stories staccatoartig aufblitzen; Ein- und Überblendungen sorgen für Livestream- und Big-Brother-Atmosphäre. Zusätzlich flimmern immer wieder Katastrophen-Nachrichten aus der Tagesschau über die Bildschirme und belegen die tödlichen Zustände hinter der dünnen Wand einer scheinbar heilen Welt. Überall Katastrophen, Krieg und Krisen - von wegen paradiesische Zustände.

Am Schluss taucht dann ein Gott auf, der schon vom Äußeren her in die Jahre gekommen ist. Enttäuscht von seiner Schöpfung gelingt es ihm immerhin, dem ermordeten Mädchen Leben einzuhauchen. Gemeinsam mit einem Jungen sitzt es auf einer Bank und isst vom paradiesischen Apfel. Es dauert, bis das Publikum begreift, dass dies nun das Ende des Stücks, aber noch nicht das Ende aller Fragen ist: Steckt auch in diesen unschuldigen Kindern bereits das Böse? Oder gelingt es den beiden, in einer zutiefst mörderischen Gesellschaft ein friedliches Leben zu leben?

Mörder von nebenan

37 Fassungen soll Turrini erarbeitet haben, bis das Stück 2013 in Wien endlich uraufgeführt werden konnte. Regisseur Heinzelmann verwandelt es in Nürnberg in einen modernen Woyzeck und lässt sich von Videoprojektionen der britischen Regisseurin Katie Mitchell inspirieren. "Ich hole meine Figuren am miesesten Punkt ihres Lebens ab", hat Turrini einmal im Interview erklärt. Für Gänsehaut sorgt aber noch etwas anderes: Seine potenziellen Mörder sind ganz normale Menschen von nebenan. Gerade deshalb ist das Stück so gruselig und mörderisch gut!
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