"Der schönste Abschnitt meiner Reise"

Fünf Wochen war Willi Winkler unterwegs um von Hamburg bis nach Altötting zulaufen. Nach 855 Kilometern hat er ein Gelübde eingelöst - gegen einen gebrochenen Mittelfußknochen. Bild: dpa
Lokales
Bayern
17.01.2015
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Weil die FDP weg ist, musste Willi Winkler nachziehen. Denn der vielfach ausgezeichnete Journalist hatte vor Jahren ein Gelübde abgelegt: Sobald die stets koalitions-bereite Mini-Partei aus dem Bundestag fliegt, dann würde er Deutschland durchwandern. Per pedes, so ward's versprochen.

Bei seiner auf die Bundestagswahl 2013 also zwangsläufig folgenden winterlichen Fußreise kam Willi Winkler vom Norden her auch durch Oberfranken und die Oberpfalz. Am Dienstag, 19. Januar (20 Uhr), kehrt Willi Winkler noch einmal in hiesige Gefilde zurück, um in Marktredwitz in der Buchhandlung Rupprecht aus "Deutschland, eine Winterreise" (Rowohlt-Verlag) zu lesen. Die Kulturredaktion führte mit ihm dieses Telefon-Interview in Rom, wo Winkler kurz zuvor die Vatikanischen Museen besucht hatte.

Eigentlich könnte man ja meinen, Sie wären mit Ihrer winterlichen Wallfahrt von Nord nach Süd in die Fußstapfen von Schubert und Heine getreten?

Willi Winkler: Ich habe vor knapp 20 Jahren das Gelübde abgelegt, falls es unwahrscheinlicher Weise je dazu kommen sollte, dass die FDP - die mir aus unerfindlichen Gründen ein Dorn im Auge ist - doch aus dem Bundestag fliegt, dann würde ich eine Wallfahrt nach Altötting unternehmen. Wobei ich als gebürtiger Oberbayer unterschätzt habe, dass sich durch meinen zwischenzeitlichen Umzug nach Hamburg die Strecke erheblich verlängern würde. Aber ein Gelübde ist nur eins, wenn man es erstens einhält und wenn man zweitens die Wallfahrt, wie es sich gehört, auch zu Fuß unternimmt, und nicht zwischendurch mit dem Bus fährt ...

Wie sieht denn unser hochmodernes Land aus, wenn man, wie Sie, aus der Eichendorff'schen Handwerksgesellen-Perspektive drauf zugeht?

Winkler: Man ist überrascht, wie gut das Landstraßennetz in Deutschland funktioniert, das allerdings unter völliger Vernachlässigung von Fußgängern angelegt wurde. Noch vor Nebel, Graupel, Blitzeis und Tornado ist der Fußgänger für Autofahrer das größte Verkehrshindernis. Der hat da nichts verloren! Damit aber hatte ich nicht gerechnet, dass es so lang und so ausführlich an den Straßen entlang gehen würde.

Sie sind in Hamburg losmarschiert - schließlich arbeiten Sie für den "Spiegel" ebenso wie für die "Zeit" ...

Winkler: Ein tränenreicher Abschied von der Familie - und dann war ich schon den Elementen ausgesetzt. Von der Lüneburger Heide ging's über Braunschweig auf den Harz zu - dann ostwärts nach Sachsen-Anhalt und nach Thüringen - und erst nach dessen Durchquerung erreicht man halbwegs gelobtes Land, nämlich Bayern in Gestalt von Oberfranken!

Dort also, wo der Dichter Jean Paul zu Hause war. Der hat's Ihnen offenkundig besonders angetan?

Winkler: Ja, er ist für mich der größte deutsche Dichter. Und: Mir gefällt seine eingezogene Lebensform. Natürlich war er mal in Weimar, auch in München und in Heidelberg erhielt er sogar den Ehrendoktor. Im Prinzip hat er geistig dieses Oberfranken nie verlassen - aber daraus hat er eine Welt gebaut! Und nur so sind so wunderbare Ortsnamen wie Kuhschnappel auf die Welt gekommen. In Bayreuth ist er schließlich hochgeachtet und voll des guten fränkischen Bieres gestorben.

Dass Sie die Oberpfalz als "nebliges" und "vergessenes Land" bezeichnen, das könnte Ihnen Streit eintragen. Immerhin haben sich zuletzt Zuschauer in großer Zahl beim Bayerischen Fernsehen darüber beschwert, dass ihr Heimatregierungsbezirk in einer Porträtserie als "schlicht, einfach und einsam" bezeichnet wurde.

Winkler: Das wäre sicherlich einseitig, falls ich so etwas sagen würde - und ich tue es weiß Gott nicht! Vielmehr verbreite ich mich großartig darüber, dass die Oberpfalz mal ein Proto-Ruhrgebiet war, eine reiche Region. Und Spuren davon sieht man ja heute noch. Mir war das vorher gar nicht so klar: Aber die Oberpfalz, das war der schönste Abschnitt meiner Reise!

Sie finden hier ja auch viel Bemerkenswertes ...

Winkler: Ich kam zum Beispiel abends in Grafenwöhr an und habe damit meine erste bilinguale deutsche Stadt kennengelernt. Alle Geschäfte tragen zusätzlich englische Aufschriften - und jede Bäckersfrau kann ein bisschen Englisch. Weil man als Journalist ja 25 Stunden am Tag im Dienst ist, bin ich in eine amerikanische Bar gegangen und bin dort auf einen 35-jährigen, bereits dreimal geschiedenen Ami gestoßen. Wie Sie vielleicht wissen: Amerikaner heiraten bei jeder Gelegenheit. Und immer aus Liebe!

Wenn Sie jetzt ins oberpfälzisch-oberfränkische Grenzland zu einer Lesung zurückkehren - worauf freuen Sie sich am meisten?

Winkler: Schon auf das Land, weil es eine spezifische Weltgegend ist, die von der Globalisierung und der Aufnordung unberührt geblieben ist und dabei auch noch so etwas angenehm Ochsenstures hat!

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Karten gibt es in der Buchhandlung Rupprecht in Marktredwitz (KEC/ Leopoldstraße 30) unter Telefon 09231/661999 sowie an der Abendkasse.
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