Fremde Welt voller Unsicherheit

Lokales
Bayern
30.09.2015
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Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, hat dies zumeist auch weitreichende Folgen für die Angehörigen. Was diese beachten müssen und wie sie sich verhalten sollten, erklärte Martha Link bei Vorträgen in Marktredwitz und Selb.

Viele Zuhörer hatten sich in den beiden Häusern des Klinikums Fichtelgebirge Selb und Marktredwitz zum Auftakt der Herbstvortragsreihe "Herausforderung Älterwerden" eingefunden. "Demenz - was kann ich tun?" lautete das für viele hochaktuelle und brennende Thema. Referentin Martha Link, Vorsitzende der Alzheimergesellschaft Regionalgruppe Hof/Wunsiedel, hatte an beiden Abenden eine Vielzahl praktischer und lebensnaher Tipps dabei.

Es gebe rund 100 Arten von Demenz, informierte Martha Link eingangs. Am häufigsten trete die sogenannte Alzheimer-Demenz auf, Frauen seien häufiger betroffen als Männer. Was passiert mit Menschen, die an Demenz erkranken? "Sie vergessen langsam und schleichend ihre Lebensgeschichte, verlieren bisher selbstverständliche Alltagsfähigkeiten, verlaufen sich, erkennen vertraute Menschen nicht mehr", umriss die Referentin die Symptome. Dabei verspüre ein Betroffener zu Beginn große Angst: Verliere ich jetzt den Verstand? Angehörige sollten hellhörig werden, wenn jemand sich zurückzieht, Alltagstätigkeiten mit Ausreden vermeidet und nicht mehr aus dem Haus gehen will.

Feste Rituale pflegen

In der Realität herrsche jedoch oft Unverständnis: "Das hast Du schon zehnmal erzählt!" In dieser Phase füge man den Betroffenen zusätzlich seelische Verletzungen zu und verunsichere sie noch mehr. Mit der Zeit nähmen die Beeinträchtigungen immer mehr zu und der Kranke sei mehr denn je auf einfühlsame Mitmenschlichkeit angewiesen. Allgemein sei es wichtig, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, Verständnis zu haben, dem Leben des Betroffenen durch einen festen Tagesablauf Struktur zu geben, Ortswechsel zu vermeiden und feste Rituale zu pflegen. "Kein Medikament kann das leisten, nur ein Mensch", gab Martha Link zu bedenken.

Beim Umgang mit Erkrankten gebe es drei hilfreiche "Schlüssel". Erstens müsse man die Defizite kennen, vieles werde durch eine Demenzerkrankung beeinträchtigt: Lernen, logisches Denken, die Fähigkeit, Dinge und Menschen benennen und erkennen zu können, motorische Geschicklichkeit, räumliche und zeitliche Orientierung, Lesen, Schreiben, Rechnen, Aufmerksamkeit, Steuerung von Stimmungen (häufiges Schimpfen und Fluchen; Demenzkranke können auch nicht mehr bewusst die Unwahrheit sagen), Geschmacksempfinden.

Zweitens müsse man Kenntnis von den Gefühlen dementer Menschen haben. Diese nähmen die Umwelt mit fortschreitender Erkrankung immer mehr über das Gefühlsleben und körpersprachliche Zeichen wahr - was man sich jedoch zunutze machen könne, indem man langsam und freundlich agiere, auf Mimik, Gestik und Körperhaltung achte: "Passt meine Körpersprache zu meinen Worten oder sende ich Doppelbotschaften?" Drittens müsse man die Bedürfnisse des Erkrankten kennen. "Es ist alles noch da, das Bedürfnis nach Liebe, Sicherheit, Geborgenheit und Wertschätzung." Diese Bedürfnisse seien genauso wichtig wie die körperlichen Bedürfnisse Essen, Trinken, Hygiene, Wärme, Licht, Schlaf und Bewegung.

Was braucht ein Pflegender grundsätzlich? Hier nannte die Referentin die Bereitschaft, sich die Biografie anzueignen (Was hat der Erkrankte früher gemacht?), sich auf die Welt des dementen Menschen einzulassen, sich für ihn zu interessieren. Es sei erstaunlich, wie Erkrankte bei freundlicher Nachfrage die "immer gleichen" Geschichten plötzlich variieren würden. "Lassen Sie Ihren dementen Angehörigen noch nützlich und produktiv sein!", forderte die Referentin die Zuhörer auf: "Warum nicht Laub rechen oder Staub wischen lassen, wenn das früher gerne gemacht wurde, egal wie oft am Tag und ob es jetzt nötig ist oder nicht?"

Eindringlich bat Martha Link um einen respektvollen Umgang mit einem dementen Menschen. Das bedeute, Fehler nicht zu betonen, sondern zu überspielen, nicht sinnlos zu kritisieren, Blickkontakt auf gleicher Höhe zu suchen und die richtigen Fragen zu stellen (nicht "warum" und "wieso", sondern "wer", "wo", "was" und "wie"). Singen sei immer gut, sofern es sich um das passende Liedgut aus der Vergangenheit handle. "Den Radio oder Fernseher anzustellen und dann wegzugehen, ist allerdings Körperverletzung!"

Respektvolle Zuwendung

Kinderreime, Gebete, alte Fotos seien gute Anknüpfungspunkte. Dabei gelte jedoch: Kein permanentes Programm, sondern auch einmal miteinander die Stille aushalten, aber auch keine Unterforderung - hier sei das Einfühlungsvermögen des Pflegenden gefragt, auch entsprechend des Stadiums der Erkrankung. Ausschlaggebend für die Lebensqualität eines Demenzkranken sei immer das Maß an freundlicher, respektvoller Zuwendung - jeder solle sich fragen, wie er selbst in einer plötzlich fremden Welt voller Unsicherheit und Angst behandelt werden möchte.
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