Im katholischen Theater-Himmel

Letztlich gelingt es dem Boandlkramer (Michel Lerchenberg, rechts) doch noch, dem Brandner Kaspar (Alfred Schedl) den Weg ins Paradies schmackhaft zu machen. Bild: SFF Fotodesign/Hof
Lokales
Bayern
18.07.2015
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Die "Vorstufe zum Paradies" haben die Bewohner Bayerns bekanntermaßen eh schon erreicht. Den Zutritt zum "echten" Paradies gibt es seit Donnerstag auf der Luisenburg - so manchen verschrobenen Heiligen inbegriffen.

Es gibt Theaterstücke, an denen man sich nicht satt sehen kann. In denen der Zuschauer immer wieder Neues entdeckt. In denen auch über dieselben Wortspielereien immer wieder gelacht werden kann. Nicht fehlen dürfen allerdings: Eine schlüssige Inszenierung, ein passendes Bühnenbild und - allen voran - die idealen Schauspieler. Mit der Wiederaufnahme des bairischen Kultstückes "Der Brander Kaspar und das ewig' Leben" nach Franz von Kobell von Kurt Wilhelm ist dies bei den Luisenburg-Festspielen eindrucksvoll gelungen. Zweieinhalb Stunden lang wird wieder einmal deutlich, warum der "Brandner" untrennbar zur Luisenburg-Theatergeschichte, ja zur bayerischen Volkstheater-Kultur insgesamt, gehört.

Zu verdanken ist dies in erster Linie dem schauspielenden Intendanten und Regisseur Michael Lerchenberg, der die Inszenierung bereits 2009 und 2010 für die Luisenburg eingerichtet hatte und auch in diesem Jahr gemeinsam mit Christoph Zauner die Regie übernommen hat. Mal hinterlistig-verschlagen, mal herrlich naiv - wohl selten kommt der Tod ("Boandlkramer") in einem sympathischeren Gewand daher als in diesem Stück.

Paraderolle für Lerchenberg

Und für Lerchenberg ist es die Paraderolle schlechthin! In Nichts nach steht ihm als Brandner Alfred Schedl, der die Rolle ebenfalls schon 2009 und 2010 ausfüllte: An der Todesschwelle strotzt er vor Lebensgier, überzeugend wandelt er sich zum gebrochenen Mann, der dann wieder voller Begeisterung "das Paradies schaut" und dortbleibt. So sehen Theater-Traumpaare aus. Es geht um Leben und Tod auf der Bühne: Der "Boandlkramer" hat den Auftrag, den Brandner Kaspar im 72. Lebensjahr abzuholen und ins Jenseits zu begleiten. Doch der Brandner fühlt sich noch recht gesund und überlistet den Tod. Mit "Kerschgeist" macht er ihn besoffen, legt ihn dann beim Kartenspielen herein - der Gewinn sind weitere 18 Lebensjahre. Als er am 75. Geburtstag ein großes Fest gibt, ziehen aber dunkle Wolken auf. Brandners geliebte Enkelin Marei (Ina Meling) stürzt in den Bergen ab, als sie ihren Wilderfreund-Flori (Ferdinand Schmidt-Modrow) vor dem eifersüchtigen Jäger Simmerl (Benedikt Zimmermann) bewahren will.

Mit gerade mal 24 Jahren - 18 Jahre zu früh - kommt Marei in den bayerischen Himmel voller Weißwürste, Kartenspiel, ewiger Freuden - und ganz ohne Preußen. Dafür aber mit einem Heiligen Portner, den Dieter Fischer nicht nur unnachahmlich bayerisch-barock darstellt, sondern den paradiesischen Freuden auch ein Gesicht gibt. Und ein für allemal klarstellt, dass im Himmel auch gelacht wird. Nicht ganz so sieht es allerdings Erzengel Michael (zum Brüllen komisch: Jürgen Fischer), humorfrei bis zum letzten Flügelschlag und im wahrsten Sinne des Wortes ein Pedant vor dem Herrn.

Langer Schlussapplaus

Der Brandner freut sich nach dem Tod der Marei nicht mehr am Leben: Als der "Boandlkramer", dessen Versagen mittlerweile auch im Paradies bemerkt worden ist, ihm anbietet, das Paradies für eine Stunde probeweise zu zeigen, fährt er mit - und ist überwältigt von der Schönheit im Himmel und bleibt da: Allerdings erst nachdem das wohlwollende Hohe Gericht ("Die Jungfrau Maria lacht jetzt noch über die ganze Geschichte mit dem Kerschgeist") zu seinen Gunsten entschieden hat.

Der lange Schlussapplaus belohnt das Ensemble - darunter unter anderem Billie Zöckler in ihren Rollen als Theres und Afra, Andreas Bittl als Senftl, Johann Anzenberger als himmlischer Nantwein ebenso wie Christian Höllerer als himmlischer Thurmair. Und es bleibt die Erkenntnis: Die Geschichte vom Brandner Kaspar ist noch lange nicht auserzählt.
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