Leben im Lager hautnah erleben

Am Modell einer Flüchtlingsbaracke, wie man sie in Wiesau kannte, läuft eine Diashow mit Bildern aus dem Lager. Museumsleiter Volker Dittmar, Dachdeckermeister Ernst Heinz, Dolmetscher Walied Youssef, Grafiker Detlev Bertram und Museumsangestellte Andrea Martens (von links) bereiten die Ausstellung vor. Bild: wro
Lokales
Bayern
11.11.2015
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Flucht und Vertreibung - das Thema war vor 70 Jahren aktuell und ist es heute mehr denn je. Das Egerland-Museum setzt mit seiner Sonderausstellung bewusst einen Kontrapunkt zur oft verkitschten Vorweihnachtszeit.

"Nicht nur zur Weihnachtszeit" lautet der Titel. "Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Sonderausstellung erst nach dem Totensonntag zu eröffnen", erklärt Museumsleiter Volker Dittmar. Tatsächlich stehen die Zeugen des Weihnachtsfestes schon längst in den Regalen und erinnern an das schönste Fest des Jahres. Weihnachten aber ist oft zu einem verklärten Happening verkommen. Alles andere als romantisch, von weihnachtlicher Stimmung weit entfernt, zeigt sich die Sonderausstellung im Marktredwitzer Museum ab 23. November.

Volker Dittmar und seine Mitarbeiterin Andrea Martens möchten mit dem Eröffnungstermin bewusst auch ein Zeichen setzen: Weg vom vorgezogenen Weihnachtstrubel, hin zur Realität. Das Museum gleicht zurzeit noch einer Baustelle, es laufen die Vorbereitungen. Das "making of", wie es Dittmar und Martens nennen. Mit weiteren Helfern der Sonderausstellung erläuterten sie im Pressegespräch die Inhalte des gemeinsamen Museumsprojektes "Nicht nur zur Weihnachtszeit".

Kann und soll man die Themen "Flucht" und "neue Heimat" mit Weihnachten überhaupt in Verbindung bringen? Volker Dittmar ist sich sicher: "Schon. Flucht und Vertreibung werden uns immer wieder in der Gegenwart einholen." Er nennt als bekanntestes Beispiel die heiligen Familie und ihre Flucht nach Ägypten. "Wir möchten mit dieser Ausstellung nicht politisieren, auch nicht polemisieren, sondern uns auf konkrete Einzel- und Familienschicksale konzentrieren."

Dittmar hat dazu auch den ehrenamtlichen Dolmetscher Walied Youssef mitgebracht. Youssef spricht ausgezeichnet Deutsch, kennt viele Einzelschicksale in Marktredwitz. Darunter auch die Biografie des syrischen Kapitäns Ahmed Marzouk. Selbst Bürgerkriegsflüchtling schlug Marzouk lukrative Schleuserangebote aus und floh anschließend hierher. Seine und weitere Erlebnisberichte werden anhand von Texttafeln in der Ausstellung thematisiert.

Neben Youssef sitzt Dachdeckermeister Ernst Heinz aus Furthammer. Als blutjunger Mann musste Heinz nach dem Krieg das egerische Schönbach verlassen. Der Neuanfang war beschwerlich: "Mit der Zeit wurde unser Betrieb aber immer größer. Lehrlinge wurden eingestellt und übernommen. So ist nach unserer Vertreibung der heutige, große Betrieb in Furthammer entstanden", schilderte der Handwerker. Aus bescheidenen Anfängen, mit Fleiß, Wagemut und Ideen entwickelte sich der väterliche Betrieb zu einer erfolgreichen Dachdeckerei. Für die Sonderausstellung bereitet Ernst Heinz einer täuschend echte Dachdeckerbaustelle aus den 1940er Jahren vor - eine "Inszenierung", wie Dittmar die einzelnen Ausstellungsobjekte nennt.

Die Sonderschau gewährt schließlich auch Einblicke in die Flüchtlingslager Marktredwitz und Wiesau. Ein Glücksfall sei die Leihgabe eines Fotoalbums mit einzigartigen Bildern vom Lagerleben gewesen. Dazu Volker Dittmar: "In einer Diashow kann man das Leben im Lager authentisch und hautnah miterleben."
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