Mircea Cartarescu beendet Romantrilogie
Ungeheuer faszinierend

Der rumänische Autor Mircea Cartarescu wurde bei der Leipziger Buchmesse mit dem "Buchpreis zur Europäischen Verständigung" geehrt. Bild: dpa
Lokales
Bayern
02.09.2015
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Genau 25 Jahre ist es jetzt her, dass jene Eruption durch die Staaten im Osten ging, die schließlich zum Fall der dortigen Diktaturen führte. Tag für Tag passierte Epochales. In der Nacht zum 10. November etwa fiel die Berliner Mauer und in Sofia stürzte man den bulgarischen Staatschef. Mircea Cartarescu, die derzeit eindrucksvollste literarische Stimme Rumäniens. Hat diese Zeit in seinem Roman "Die Flügel" als dichtes Gesellschaftsporträt beschrieben

Er ist der Abschluß einer Trilogie. 14 Jahre lang hat Mircea Cartarescu an seinem "Orbitor" betitelten Dreiteiler geschrieben. Es ist daraus ein an James Joyce und Marcel Proust erinnerndes Riesen-Epos geworden, das zum einen des Autors Kindheit im bleiernen Klima der Ceausescu-Ära beschreibt, zum anderen aber zu solch ausgreifenden Gedankenflügen abhebt, dass man getrost sagen kann: Dieses Epos spielt zu allen Zeiten überall. Der Schlußteil "Die Flügel" endet jedenfalls als Apokalypse, in der noch einmal alle Zeiten durcheinander purzeln, ehe sie in einem kosmischen Lichtstrahl quasi verpuffen.

Das ist eine der Eigenarten der Cartarescu'schen Prosakunst, die sich passagenweise wie reine Lyrik liest: Eben befindet man sich noch in einer völlig realistischen Beschreibung des grauenhaften Mangel-Alltags in der Endphase des rumänischen Steinzeit-Kommunismus, da kann es schon im nächsten Kapitel in wüstester Fantasy-Weise nach Art rasender Kamerafahrten durch das Bukarester Kanalnetz gehen oder durch die Neuronen- oder Blutbahnen irgendeiner Romanfigur. Ob das mit der völlig surrealen Welt zu tun hat, in der der Autor, eingeschlossen in eine winzige Bukarester Wohnung, jahrzehntelang auszuharren gezwungen war?

Einzige Rettung war ihm das Verfassen eines Manuskriptes, das nicht weniger sollte, als die ganze "böse" Welt zu ersetzen. Ein einsames Ungeheuer ohne Heim und ohne Frau wolle er sein, heißt es im Buch, "um Jahre und Jahre an einem unlesbaren und endlosen Buch zu schreiben, das aber eines Tages das Weltall ersetzen würde". Vermessen und gigantomanisch, fürwahr. Aber auch unglaublich packend und faszinierend.

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Mircea Cartarescu: "Die Flügel" 672 Seiten, 26 Euro, Zsolnay-Verlag.
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