Riss räkelt sich durchs Rote Meer

Mit List gelingt es der vierköpfigen Männer-WG (von links) Colline (Nicolai Karnolsky), Schaunard (Daniel Draopulja), Rodolfo (Ilker Arcayürek)und Marcello (Levent Barkirci), Hausbesitzer Benoît (Suren Manukyan) um die Miete zu prellen. Bild: Jutta Missbach
Lokales
Bayern
28.11.2015
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Mimis Tod als Opfer. Ihr Sterben "ist nötig, damit Rodolfo und seine Freunde zu wahren Künstlern reifen können", verdeutlicht Magdolna Parditka. Zu lesen ist es im Programmheft, mit dem sich die Theaterbesucher auf die Neuinszenierung von Puccinis "La Bohème" vorbereiten können.

Parditka und Alexandra Szemerédy, zwei junge Ungarinnen, inszenieren die tragische Liebesgeschichte der tuberkulosekranken Grisette Mimi und des Dichters Rodolfo für die Nürnberger Oper. Mit ihrer naturalistischen Neuinszenierung versetzt das Regieteam sein Publikum in ein düsteres Paris der Nachkriegsjahre, stellt theologische und philosophische Sinnfragen und wird mit begeistertem Beifall belohnt.

Flucht aus Ägypten

Ein großer Riss zieht sich durch das Zimmer, in dem der Philosoph Colline, der Dichter Rodolfo, der Maler Marcello und der Musiker Schaunard ihre Männer-WG zelebrieren. Kälte und Hunger erschweren die Kunst. Der Ofen wird mit Rodolfos Dramenmanuskript gefüttert, um wenigstens etwas Wärme zu erzeugen. Unzählige Papiere, mit dicken roten Pinselstrichen bemalt, zieren die Wände.

Marcellos Bilder variieren den biblischen Bericht vom "Durchzug durch das Rote Meer", der laut Parditka auch "für unser Inszenierungs- und Bühnenbildkonzept ausschlaggebend" war. Genauso wie die Israeliten "auf ihrer Flucht aus Ägypten muss auch Mimi ein rotes Meer durchqueren, die Tuberkulose", fügt sie hinzu. Das Problem bei dieser Deutung: Moses Volk bleibt am Leben.

Auch die Szene im vierten Bild ist ohne Programmheft nicht zu verstehen. Warum das Model bei einer hemmungslosen Body-Painting-Aktion von den Männern nicht nur bunt bepinselt, sondern nahezu vergewaltigt wird, erklärt Szemerédy so: "Die Zerstörung ihrer Kunst und der Frau im Happening ist auch ein Sinnbild für die innere, krankheitsbedingte Zerstörung Mimis."

Doch lassen wir den Riss, der zwischen Interview-Deutung und realem Bühnengeschehen klafft, beiseite. Die Nürnberger "Bohème" verdient letztlich eine Menge Lob, zum Beispiel für die Spielfreude aller Akteure. Auch der Gesang ist an diesem Abend brillant. Hrachuhí Bassénz schenkt ihrer Mimi eine schlanke, lyrische und kultivierte Stimme. Im Duett ("Sono andati? Fingevo di dormire") mit Tenor Ilker Arcayürek, der bei der Premiere mit sängerischer Eleganz als Rodolfo sein Debüt feiert, geht es nicht ums Kräfte messen, sondern es wird auf Innigkeit und Harmonie gesetzt.

Atmosphärisches Bühnenbild

Faszinierend sind zudem die hervorragende Personenführung, das atmosphärisch dichte Bühnenbild mit den hoch- und herunter fahrenden Wänden (ebenfalls von den beiden Regisseurinnen gestaltet), die temperamentvollen Einsätze von Chor und Orchester und die raschen Szenenwechsel, die an harte Filmschnitte erinnern. Insgesamt also ein solide umgesetzter Puccini-Abend, der so manche Frage aufwirft, für Diskussionen sorgt und mit einigen tollen Regie-Ideen überrascht.
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