"Schöne Stücke und Nippes"

Lokales
Bayern
07.03.2015
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Kunst oder Krempel? Diese Frage wird nicht nur im Fernsehen gestellt. Viele Besucher kamen ins Fichtelgebirgsmuseum zu einem "Schaulaufen mit verborgenen Schätzen". Wie alt sind sie? Was sind sie wert? Nicht immer gaben die Experten nach der Begutachtung die erhofften Antworten.

Dr. Silvia Glaser, Leiterin der Sammlungen Gewerbemuseum und Design am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, Dr. Sabine Zehentmeier, Leiterin des Fichtelgebirgsmuseum und Georg Strehl, Antiquitätenhändler aus Weiden, stellten sich stellten sich dem Ansturm und bewerteten nach bestem Wissen und Gewissen.

Die erste Besucherin des Expertisen-Tages hatte ein Familienstück mitgebracht. Sie habe es unter den Krippenfiguren der Eltern gefunden und wisse leider nichts über dessen Herkunft. Es war ein Kerzenständer, der sich aus einem Engels-Paar formt, ein rares und schönes Art Déco aus den 30er Jahren. Die Künstlerin hat für Rosenthal gearbeitet. 150 Euro dürfte die Steinfigur wert sein. Sie ist leider etwas beschädigt.

Krug für 250 Euro

Ein Leuchten in den Augen der Fachleute verursachte ein Krug aus Zinnguss von 1871. 250 Euro wird ein Sammler wohl auf den Tisch legen. Eine besonders schöne Jugendstil-Porzellanfigur in Form eines Pfaus mit der Figur "Die Schöne" und einer außergewöhnlichen Bemalung fesselte nicht nur das Interesse der TV-erfahrenen Kunstexpertin Dr. Glaser. Typisch für die Biedermeierzeit war ein in Facetten geschliffener Glaspokal mit Malerei. Er stammte aus der Zeit zwischen 1830 bis 1840. Da der Pokal mit dem Deckel komplett und in einem guten Zustand war, dürfte er seinem Besitzer im Falle des Verkaufs 500 Euro einbringen.

Die Besitzerin von drei Figuren, die sie von ihrer Oma bekommen hatte, kam zur Bewertung, weil sie überhaupt keine Ahnung zur Herkunft der Figuren hatte. Eines der Stücke dürfte zweite Wahl sein und müsste von Karl Tutter sein, der bei Hutschenreuther einst für die Formgebung zuständig war. Die Figur müsste zwischen 1920 und 1930 entstanden und dürfte nicht so häufig auf dem Markt zu finden sein. Der Wert liegt bei 200 bis 300 Euro. Die beiden Porzellan-Liebesfiguren im Neo-Rokoko-Stil hatten Modell-Nummern. Sie wurden in Böhmen produziert und sind nur preisgünstiges Dekomaterial.

Damen aus Erbendorf

Zwei Damen aus Erbendorf waren mit Erbstücken der Großmutter gekommen, die als Dienstbotin gearbeitet und Bierkrüge geschenkt bekommen hat. Die Krüge stammen von 1870 und weisen in ihren Schriftzügen und Ornamentik Rokoko-Einflüsse aus dem 19. Jahrhundert auf. Viele solcher Stücke sind bei "Villeroy und Boch" gefertigt worden. Der Wert war durch einige kleine Schäden nicht so hoch anzusetzen. Durch den Bezug zu Erbendorf dürften es 25 bis 40 Euro sein. Ein "Patriotenkrug" aus Zinn mit leicht ramponiertem Deckel wurde auf 200 Euro taxiert. Zwei Herren aus Wunsiedel kamen mit zwei Motiv-Tellern und einer große Deckelvase aus Porzellan. Die Teller wurden nicht als Rarität eingestuft. Schumann Arzberg wurde für diese Durchbruch-Technik berühmt, aber es könnte auch Retsch sein. Solche Teller sind früher typische Aussteuer- und Hochzeitsgeschenke gewesen und jetzt im Handel für 30 bis 40 Euro zu finden.

Die Vase ist im Industriedesign und aus der Nachkriegszeit, wohl vom Porzellanmaler Rudolf Wächter aus der Fabrik Winterling in Kirchenlamitz. Deckelvasen haben ihren Ursprung im 17. Jahrhundert und dekorierten damals, in Ensembles aufgestellt, den Kamin. Momentan sind sie nicht im Trend und werden zwischen 50 und 65 Euro gehandelt. Als eine Besitzerin sehr schöner und rarer Antiquitäten erwies sich eine Dame aus Wiesau. "Bauernsilber" wird ein Pokal mit Storchenmotiv genannt, der mit der Herstellungstechnik von Christbaumkugeln zu vergleichen ist. Das sehr empfindliche Teil aus der Zeit 1870 bis 1880 ist in einem exzellenten Zustand und um die 250 Euro wert sein. Spannung kam in den Saal als Georg Strehl mit Freude die silberne Kugel aus dem gleichen empfindlichen Material, mit einem Loch und einem Korkstück, betrachtete. Strehl erkannte das seltene Teil als einen Ständer für einen kleinen Christbaum zur Dekoration für den Tisch und schätzte die Antiquität aus den Jahren 1900/1910 auf 120 bis 150 Euro ein. Das Baderglas mit einem aufgesponnenen Faden sei ebenfalls in der Zeit 1900/1910 herum gefertigt. Im Egerlandmuseum gebe es eine Sammlung solcher Gläser. Als ein besonders Teil stellte sich ein Dachbodenfund heraus. Der Behälter aus Bronzeguss mit ausdrucksstarken Vögeln auf dem Deckel wurde einst zur Aufbewahrung von Siegellack verwendet. Das Kunstobjekt stammt von Erhard & Co und passt auf einen Herren-Schreibtisch. 200 Euro dürfte es wert sein.

Schätze aus Kemnath

Interessante Stücke hatte ein Paar aus Kemnath dabei. Das große Kunstobjekt aus Steingut und Zinnguss war in jener Zeit des 19. Jahrhunderts zur Dekoration eines Kaminsimses gedacht. Das Prunkstück könne für 350 bis 400 verkauft werden. Eine kleine Flasche mit "Minne"-Motiven stellte sich aber als typischer Flohmarktartikel von minderer Qualität heraus.

Ein Designobjekt aus Blech habe ihm einmal jemand vor die Tür gestellt, sagte sein Besitzer. Hierbei handelte es sich um ein Dekorationsstück den 80-ern, ein frühes Stück aus der PS-Serie von IKEA. Bei ebay existiert ein Angebot für 400 Euro.

"Der Markt bietet im Augenblick zu viel", bilanzierte Georg Strehl. "Seltenheit macht den Preis aus." Der Antiquitätenhändler Georg Strehl bedauerte, dass mit dem "Wegsterben der Altkunden das Wissen um das Kulturhistorische verloren geht". Die junge Generation identifiziere sich nicht mehr damit, und auch die Tischkultur gehe verloren. Vieles Alte werde weggeworfen, weil die Funktion nicht erkannt wird. "Wir haben heute sehr schöne Stücke zu sehen bekommen, aber es war auch einiges an Deko-Nippes dabei", fassten die Kunstexperten den Tag in Wunsiedel zusammen.
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