Schrei - aber bitte nicht so laut wie früher

Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz erinnert inzwischen, zumindest optisch, eher an Michael Jackson als an den pubertierenden Emo-Sänger der Anfangszeit. Bild: dpa
Lokales
Bayern
21.03.2015
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Wir schreiben den Herbst 2005: Durch Deutschland geht ein gewaltiger "Schrei". Und kaum einem Deutschen egal welchen Alters gelingt es, ob freudig begeistert oder grimmig zähneknirschend, nicht "durch den Monsun" zu waten, so oft wird man mit dem gleichnamigen Lied allerorten attackiert.

Aus dem Nichts tauchen die Interpreten dieser Dauer-Ohrwürmer auf. Sie hören auf den eigenwilligen Namen Tokio Hotel, dahinter stecken vier Teenager aus dem tiefen Osten unserer Republik: Schlagzeuger Gustav Schäfer, Bassist Georg Listing, Gitarrist Tom Kaulitz sowie dessen eineiiger Zwillingsbruder Bill hinter dem Mikrofon. Besonders Sänger Bill Kaulitz ist dank seines androgynen Outfits, seines waidwunden Organs, das heftig vom Stimmbruch gebeutelt ist, und der permanenten Melancholie, welche die von ihm gesungenen Texte durchwehen, rasch das eigentliche Aushängeschild dieser Bande junger Wilder.

Sofort auf die Spitze

Jedenfalls: Es bleibt nicht bei zwei Nummer-1-Singles, wenige Wochen nach deren phänomenalem Erfolg erscheint das Debütalbum "Schrei!", das aus dem Stand gleichfalls die Pole Position der Albumcharts entert. Von da an geht die Tokio-Hotel-Party richtig los: Zwei Jahre lang Teenie-Dauer-Kreisch-Alarm, nicht etwa nur in Deutschland, sondern auch in etlichen Nachbarländern. In Frankreich lernen minderjährige Mädchen mit einem Mal Deutsch, ebenfalls in zahlreichen Osteuropäischen Ländern bis tief hinein ins Herz von Russland. Auch die zweite Langrille der vier Magdeburger steht dem Erfolg des Erstlings in nichts nach. Erst 2009, mit der dritten Scheibe "Humanoid", wird der Karriere der Megas-Stars ein kleiner Dämpfer verpasst. Ironie des Schicksals: Sänger Bill hat den Stimmbruch inzwischen überwunden, er besitzt ein kräftiges Rock-Organ, das an den frühen David Bowie erinnert. "Humanoid" sollte das musikalisch ausgereifteste Werk des Quartetts sein.

Ab 2010 wird die Gruppe medial demontiert, denn zu viel Erfolg ertragen neidische Journalisten auf Dauer nicht - teilweise demontiert sie sich auch selbst: Die Kaulitz-Brüder feiern ihren 18. Geburtstag angeblich in einem Rotlicht-Etablissement, die Rede ist von Stalking, von hässlichen Prügeleien, das volle Programm eben. Als Reaktion darauf ziehen sich Bill und Tom ausgelaugt ins weit entfernte Los Angeles zurück und beginnen, erwachsen zu werden. Zumindest irgendwie.

Welt-Tournee geplant

Im Oktober 2014 sind Tokio Hotel, in Originalbesetzung und mit einem neuen Album namens "Kings Of Suburbia", ziemlich überraschend zurück im Rampenlicht. Viel erinnert nicht mehr an die musikalische Ausrichtung von einst: Sämtliche Texte sind auf Englisch, Sound-technisch gibt es einen nicht recht zünden wollenden Stilmix aus Alternative, Rock und Electro. Die CD chartet zwar erneut, allerdings nur für wenige Wochen. Nicht die besten Voraussetzungen für ein mediales Comeback. Tokio Hotel beeindruckt das nicht, sie kündigen für März eine Gastspielreise durch eher kleinere Clubs in 15 europäischen Städten an, darunter Gigs in fünf deutschen Metropolen. Diese soll allerdings nur ein Vorgeschmack auf die Welttournee im Sommer 2015 sein. Punktum: Knapp zehn Jahre, nachdem Tokio Hotel ihre kuriose Karriere-Reise starteten, sind sie jetzt bereit zur groß angelegten Rückkehr in die Welt-Öffentlichkeit.

Und so stehen die Teenie-Giganten von einst auf der Bühne des "Kesselhauses". Die Halle ist mit geschätzten 1000 Besuchern ordentlich gefüllt, aber längst nicht ausverkauft. Anstatt wie einst wahlweise pausbäckige oder androgyne Jugendlicher stehen dem Gast vier Twens gegenüber, von denen es zumindest die Kaulitz-Brüder zu oft ins Piercing- und Tattoo-Studio verschlagen hat.

Fans wachsen mit

Der rund 90-minütige Abend startet mit einer ausgefeilten Licht-Show, die zumindest bei den Hardcore-Fans fürs erste Gekreische sorgt. Ach ja, die Fans: Wie seit jeher ist der Anteil der weiblichen Besucher weitaus höher. Viele der Anhänger sind inzwischen um die 20, also offensichtlich in der letzten Dekade "mitgewachsen". Das erkennt man daran, dass sie zumindest die Hymnen von einst noch Wort für Wort mitsingen können.

Was an dem Auftritt befremdet: Außer "Rette mich", das inzwischen "Rescue Me" heißt und bei dem nur noch der Refrain auf Deutsch gesungen wird, ist die Zugabe "Durch den Monsun" das einzige Lied in einheimischer Sprache. Auch musikalisch erinnert nicht mehr viel an den Emo-Pop von einst, der muss einem etwas beliebigen Electro-Sound weichen.

Und optisch? Vor allem Bill legt sich ordentlich ins Zeug, wechselt fünf Mal die Garderobe. Die Stimmung ist prima, aber bei Ticketpreisen von knapp 90 Euro (es gab auch Spezialpakete zwischen 150 bis 1850 Euro; wer letzteres zahlte, durfte beim Lied "Kings Of Suburbia" mit auf die Bühne) redet man sich gerne ein, dass man einen ausgelassenen Abend verbringt.

Schließlich ist alles vorbei, nach rund 1 1/2 Stunden und 20 Songs inklusive Zugaben, das Publikum kommt am Ende in den Genuss von konfettiartigen Schneeflocken. Gekreische, ganz klar. Aber irgendwie kann zumindest der erwachsene Gast sich nicht des Eindrucks erwehren, dass er dieses Mal, nicht wie in früheren Zeiten, auf Ohrenstöpsel verzichten kann. Schade eigentlich.
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