Spielwaren bedienen immer stärker vermeintliche Stereotypen - Blau und wild für Jungs, rosa und ...
Geschlechterkampf an der Spielzeugfront

Lokales
Bayern
15.04.2015
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Das Einhorn hat ein rosa Fell, das Spielzeughaus mit der lila Fassade steht neben dem knallpinken Roller, und selbst die Konstruktionsbausteine sind in einer Prinzessinnenkutsche verpackt. Keine Frage: Dieser Teil des Spielzeugladens ist den Mädchen vorbehalten. Nur wenige Meter weiter dominieren düstere und aggressive Farben das Bild - in der Jungenabteilung geht es mit Kampffiguren und Abenteuerwelten robuster zu.

Die fortschreitende Aufteilung der Spielzeugwelt in Jungs- und Mädchenprodukte spiegelte sich auch auf der jüngsten Spielwarenmesse in Nürnberg wider. Bei Experten lässt sie sämtliche Warnglocken schrillen. "Diesen Rückwurf auf einen geschichtlichen Status zu beobachten, den man bereits einmal überwunden hatte, löst in der Genderforschung Entsetzen aus", sagt Susanne Wunderer, Expertin für geschlechtersensible Erziehung in Kindergärten. "Man ist wieder vor der Frauenbewegung angelangt."

Seit etwa 15 Jahren nimmt das "Gendermarketing" von Spielsachen massiv zu. Inzwischen werden auffällig viele Spielsachen explizit als Mädchen- oder Jungenprodukte beworben und sind auf den ersten Blick zu unterscheiden. Die Farben an sich wären aus Sicht der Geschlechterforscher dabei nicht so dramatisch - wenn die Zuordnung nicht mit Bedeutung aufgeladen wäre.

Weltall und Ponyhof

Spielzeug für Jungen wird mit Attributen wie aktiv, wild und mutig verbunden, Mädchensachen hingegen mit niedlich, süß und dekorativ. Während Jungs im Weltraum Abenteuer bestehen und als Ritter oder Detektiv für das Gute kämpfen, bekommen Mädchen Beautysalons, Shoppingcenter und Ponyhöfe als Spielumgebung angeboten. "Damit sind Eigenschaften und letztlich Zukunftsmodelle verbunden: Das Mädchen, das sich mit seinem Aussehen beschäftigt, und der Junge, der sich für Technik interessiert", kritisiert Buchautor Sascha Verlan. "Da wird ein 50er-Jahre-Ideal entworfen. Und zugleich werden Werte und Einstellungen vermittelt, was weiblich und was männlich ist."

Dass die Industrie derart auf den Geschlechterzug aufspringt, ist für Verlan wenig überraschend. "Von der Marketingseite her mag es sinnvoll erscheinen, weil trotz der seit Jahren zurückgehenden Geburtenraten der Umsatz weiter gesteigert werden soll. Da ist es plausibel, wenn die Spielsachen in einer Familie nicht wie früher weitergegeben werden können, sondern so stark geschlechtsspezifisch aufgemacht sind, dass es für einen kleinen Jungen nicht denkbar ist, mit dem rosa Fahrrad seiner älteren Schwester zu fahren."

Die Hersteller argumentieren oft, mit ihren spezifischen Angeboten den "natürlichen Bedürfnissen" der Kinder nachzukommen. Wissenschaftler widersprechen jedoch: Es gibt kein "Rosa-Gen". "Kinder wollen sich selbst und ihre Welt verstehen. Alles andere ist kulturell bedingt, nicht biologisch", betont die US-amerikanische Forscherin Jo Paoletti von der University of Maryland. Durch Blicke, Gesten und Kommentare lernen Kinder extrem früh, welches Spielzeug ihnen zugedacht ist und welches Verhalten ihnen zugestanden wird.

Gezielt schenken

Was also sollten Eltern tun? Auf keinen Fall den Kindern die heiß erwünschte Prinzessin oder den Actionhelden immer verweigern, sind sich die Fachleute einig. Aber sich über deren Einfluss bewusst sein und gezielt auch andere Produkte schenken. "Wir müssen allen Kindern möglichst viele Erfahrungen ermöglichen", betont Verlan, der das Buch "Die Rosa-hellblau-Falle" geschrieben hat. Seine Co-Autorin Almut Schnerring ergänzt: "Wir müssen den Blick auf unsere Kinder verändern, das Geschlecht hintenanstellen und deren individuellen Stärken und Interessen in den Vordergrund stellen."
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