Stinkstiefel mit Charme

Lokales
Bayern
30.05.2015
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Enfant terrible des Films, Genie, Säufer, "Gewalterscheinung": Für Rainer Werner Fassbinder gibt es viele Bezeichnungen. Am 31. Mai wäre er 70 Jahre alt geworden. Ein Rückblick auf ein viel zu kurzes, ruheloses Leben, auf einen "Selbstmord auf Raten".

Rainer Werner Fassbinder gilt als der vielleicht größte deutsche Filmemacher. Als der Regisseur im Juni 1982 viel zu früh starb, wurde er zu einem Mythos. Zu seinem 70. Geburtstag (31. Mai) gibt es neue Versuche, diesem Mythos auf den Grund zu gehen. Grimme-Preisträgerin Annekatrin Hendel brachte eine Dokumentation über ihn ins Kino, über die es in der Ankündigung hieß: "Der Film erzählt von siebenunddreißig Jahren Selbstverbrennung." Und im Berliner Martin-Gropius-Bau erinnert die Ausstellung "Fassbinder - Jetzt" an sein wildes Leben und sein bahnbrechendes Werk - auf der Bühne und der Leinwand. Seine berühmte schwarze Lederjacke hängt in dieser Ausstellung.

Er habe immer gewusst, dass er Filme machen werde, hat Fassbinder einmal gesagt. "Das war für mich nur eine Frage der Zeit." Das Gesamtwerk seines kurzen Lebens umfasst um die 40 Filme wie "Katzelmacher" oder "Angst essen Seele auf" - sowie 17 Theaterstücke. Bis heute gilt er vor allem im Ausland als maßgeblicher Vertreter des Neuen Deutschen Films der 60er und 70er Jahre. "Das waren Meteoriten, die in diese etwas vermuffte Zeit einschlugen", sagt Gropius-Bau-Chef Gereon Sievernich. Fassbinder galt gleichzeitig als geniales Wunderkind und als saufender Tyrann. "Säufer und Genie" titelte der "Stern" einmal.

Shakespeare und Marx

Seine Leidenschaft für den Film ist legendär - und sie zeigt sich schon in seiner Aufnahmeprüfung für die Filmhochschule. Als Antwort auf die Frage, welchen Film er zuletzt gesehen und wie ihm dieser gefallen habe, schreibt er eine ganze Seite. Auf die Frage, ob er die verfassungsmäßigen Unterschiede zwischen Bundeskanzler und früherem Reichskanzler skizzieren kann, antwortet er schlicht mit "Nein".

Aus dieser Leidenschaft resultierten wohl auch seine Ansprüche an sich, die der Regisseur einmal ganz unbescheiden so formulierte: "Ich möchte für das Kino sein, was Shakespeare fürs Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war: Jemand, nach dem nichts mehr ist wie zuvor." Und dafür war er gnadenlos: Von Alkohol, Affären und Drogen aufgeputscht, arbeitete er wie ein Besessener. Bis zu drei Tage am Stück ohne Schlaf, diktierte Fassbinder zum Beispiel das Drehbuch zur Fernsehserie "Berlin Alexanderplatz" auf Tonband. Sein wohl berühmtester Satz: "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin."

Sein Leben war ein "Selbstmord auf Raten", schreibt Fassbinder-Biograf Jürgen Trimborn in seinem Buch "Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben". Am 10. Juni 1982 wurde Fassbinder in seiner Münchner Wohnung tot aufgefunden. Todesursache war wohl eine vermutlich versehentliche Überdosis Kokain. Wie alles bei Fassbinder hatte aber auch sein Alkoholkonsum schnell exzessive Formen angenommen.

Und gnadenlos war er nicht nur zu sich selbst. "Der Fassbinder war ein Mensch, dem viele hörig waren", sagt etwa Schauspielerin Hanna Schygulla im neuen Film. Sie lernte Fassbinder in einer Schauspielschule kennen. "Der ist mir sofort aufgefallen. Der hatte gleichzeitig was Rührendes und was Beängstigendes, was Verletzliches und was Raubtierhaftes", sagt sie. Seine vulkanartigen Wutausbrüche sind inzwischen Teil der Filmgeschichte. "Nicht selten kam es bei der Arbeit zu Prügeleien", schreibt Trimborn. Eine Kostprobe: Als Fassbinder sich einmal über einen Herstellungsleiter aufregte, tat er das so: "Jetzt schlag' ich dir die Schnauze ein, du fettes, dickes Schwein. Ich bring' dich um, ich schlitz' dich auf." Schygulla sagt: "Wenn der was gemacht hat, das war immer anders als bei anderen."

Offen bisexuell

Anders war nicht nur seine Arbeit, auch im Privatleben scherte er sich nicht um gesellschaftliche Konventionen. Für damalige Verhältnisse skandalös offen stellte er seine Bisexualität zur Schau, heiratete Ingrid Caven und soll zeitgleich auf seinen Schauspieler Günther Kaufmann ein Auge geworfen haben.

Der Regieassistent und Drehbuchautor Fritz Müller-Scherz sagt in Henkels Film: "Es war für mich ein Riesen-Abenteuer mit diesem Irren da, der ja wirklich eine Gewalterscheinung war für andere." "Der hatte einen Charme, der Kerl. Und er war ein solcher Stinkstiefel und so ein Unterdrücker und Manipulator - furchtbar. Aber er war auch toll."
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