Viele Frauen waren Täterinnen

Dieses Buch erinnert an den Einbruch ungehemmter Gewalt in eine nur scheinbar zivilisierte Gesellschaft. Bild: Hanser-Verlag
Lokales
Bayern
07.01.2015
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Glaubt man der Historikerin Wendy Lower, begann der Völkermord der Nazis in den Krankenhäusern. "Die ersten Methoden waren die Schlaftablette, die Injektionsnadel und das Verhungernlassen. "Die ersten Opfer waren Kinder", schreibt die Autorin in ihrem Buch "Hitlers Helferinnen".

Allein tausende von missgebildeten Kindern seien von Krankenschwestern per Spritze getötet worden. Es ist ein Beispiel von vielen, mit dem Lower die Rolle der Frauen während der NS-Herrschaft skizziert. Auch viele Frauen sind im Nazi-Regime demnach mordende und skrupellose Täterinnen gewesen.

"Die erste nationalsozialistische Massenmörderin war nicht die KZ-Aufseherin, sondern die Krankenschwester", schreibt die Autorin. Nicht in den Gaskammern oder bei Massenerschießungen habe der Völkermord begonnen, sondern dort, wo die Verfolgten noch am ehesten hätten Hilfe erwarten können.

Bewusste Karriere

Die US-Geschichtsprofessorin untersucht den Werdegang von Krankenschwestern, Lehrerinnen und Sekretärinnen. 13 Porträts hat Lower verfasst. Dabei wird klar: Einige Frauen entschieden sich bewusst für eine Karriere im Dritten Reich und strebten mit allen Mitteln danach, Stufe um Stufe höher zu klettern. Dabei seien sie Augenzeuginnen, Komplizinnen und Täterinnen vieler Gräueltaten geworden, schreibt Lower.

Ein Drittel der weiblichen Bevölkerung - rund 13 Millionen Frauen - habe sich aktiv an einer der zahlreichen Parteiorganisationen der Nazis beteiligt, und auch die Zahl der weiblichen NSDAP-Mitglieder sei bis Kriegsende stetig gestiegen, resümiert Lower. Im Bund Deutscher Mädel konnten junge Frauen bei Schießübungen den Umgang mit dem Gewehr lernen, wie Fotos im Buch eindrücklich zeigen.

"Hitlers Helferinnen waren eifrige Verwalterinnen, Räuberinnen, Peinigerinnen und Mörderinnen", schreibt Lower. Mindestens eine halbe Million Frauen sei in den Osten gegangen - meist aus Karrieregründen. Das Bild einer skrupellosen Frau zeichnet die Autorin beispielsweise von Liesel Willhaus, der Ehefrau eines SS-Kommandanten im Zwangsarbeits- und Konzentrationslager Lemberg-Janowska.

Enge Beziehung

Im NS-Apparat, in dem Willhaus Anfang 1934 zu arbeiten begann, habe sie eine enge Beziehung zur nationalsozialistischen Bewegung entwickelt. Auch ihren späteren Mann habe sie dort kennengelernt. Mit ihrer kleinen Tochter begleitete die gebürtige Saarländerin ihren Mann in die Ukraine.

Nach Schilderungen von Augenzeugen, die Lower studiert hat, feuerte Willhaus von ihrem Balkon aus mit einem Gewehr auf Juden. "Ihr Mann stand neben ihr auf dem Balkon", schildert die Autorin. Selbst vor den Augen des Kindes habe sie keine Hemmungen gezeigt. Einmal seien beide zusammen aufgetreten und hätten in eine Gruppe Lagerhäftlinge geschossen, die 20 Meter entfernt waren und Abfälle einsammelten, schreibt Lower.

Die Frage nach dem Warum behandelt die Autorin aus der Innensicht der Protagonisten. Dafür hat sie zahlreiche Aussageprotokolle studiert. Gleichzeitig beschreibt sie auch den Blick von außen mit Hilfe von Zeugenaussagen. Lowers ernüchternde Erkenntnis: Mit der militärischen Niederlage Deutschlands war das Karriere-Hoch der Täterinnen zwar vorbei, die wenigsten Frauen wurden aber anschließend zur Rechenschaft gezogen: "Sie kehrten heim in die Trümmer des Reiches und versuchten ihre kriminelle Vergangenheit zu verbergen."

Erschreckendes Bild

Geradezu irritierend sei die Aktensichtung gewesen. "Als ich sie las, war ich nicht sicher, ob die Verfasserinnen als Jugendliche wirklich so naiv oder unaufmerksam waren oder ob sie ihre Unschuld für die heutigen Leser großzügig herausstellten", schreibt Lower. Wie könne es beispielsweise sein, dass sich eine Krankenschwester an jedes Detail ihrer eigenen Zahnschmerzen erinnere, bei der Nachfrage vermeintlicher selbst begangener Straftaten aber kurz angebunden antwortet und Unwissenheit vortäuscht?

Auch Liesel Willhaus habe nichts nachgewiesen werden können. "Sie hatte innerhalb der NS-Vernichtungsmaschinerie keine offizielle Position bekleidet, und deshalb gab es keine Dokumente aus der Kriegszeit, die die Zeugenaussagen bestätigt hätten", schreibt Lower. "Sie war am Tatort gewesen und hatte in aller Öffentlichkeit Massenmord begangen, aber juristisch konnte sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden."

Lower zeichnet in ihrem Buch ein erschreckendes Bild von Frauen, die sich gewissenlos am Massenmord beteiligten. Und das ohne allzu großen Druck. "Hätten sie sich geweigert, Juden umzubringen, so hätte das keine Bestrafung zur Folge gehabt", resümiert Lower.

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Wendy Lower: "Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust", 336 Seiten, 24,90 Euro, Hanser-Verlag.
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