17-Jähriger geht mit Axt auf Fahrgäste los
Radikalisiert in zwei Tagen?

Ein Kameramann filmt in Würzburg einen Regionalzug. Ein 17-Jähriger hat am späten Montagabend in der Bahn Reisende angegriffen und mehrere Menschen lebensgefährlich verletzt. Am Dienstag bekannte sich die islamistische Terrormiliz IS zu der Attacke. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
20.07.2016
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Für die Sicherheitsbehörden war er ein unbeschriebenes Blatt. Von einem Tag auf den anderen nimmt ein junger Muslim eine Axt und greift anscheinend wahllos arglose Fahrgäste in einem Regionalzug an. Die Frage nach dem Motiv ist noch nicht vollständig geklärt.

Ochsenfurt. Auslöser könnte der Tod eines sehr guten Freundes in Afghanistan gewesen sein. Schlagartig wurde aus einem unscheinbaren, jungen Flüchtling ein radikalisierter islamischer Gotteskrieger. So zumindest sehen es die Ermittler am Tag nach dem Axt-Angriff in einem Regionalzug bei Würzburg. Sie stehen noch am Anfang ihrer Untersuchungen. Wer nah an ihm dran war, beschreibt ihn als freundlich und durchschnittlich. Innerhalb von zwei Tagen habe sich der 17-Jährige laut Zeugen dann verändert, sagt Kriminaldirektor Lothar Köhler vom bayerischen Landeskriminalamt.

"Rache an Ungläubigen"


Der Pflegefamilie, bei der der junge Afghane erst seit kurzem untergebracht war, sagte er noch, er wolle Fahrrad fahren. Stattdessen packt er am Montagabend Messer und Axt ein, steigt am Ochsenfurter Bahnhof in die Regionalbahn 58130 nach Würzburg und will sich an "Ungläubigen" rächen - für das Leid, das diese seinen muslimischen Freunden zugefügt hätten. So steht es zumindest in einem Abschiedsbrief an den Vater, teils in Arabisch verfasst und erst in Versatzstücken übersetzt. Köhler liest eine Passage vor: "Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und dass ich in den Himmel komme." Die Opfer wählt er nach Erkenntnissen der Ermittler völlig willkürlich aus. Er trägt ein weißes T-Shirt mit Schriftzeichen, die der Symbolik der Terrormiliz IS ähneln.

Simone Barrientos sitzt am Dienstagmorgen an einem Fenster ihres Hauses im historischen Zentrum von Ochsenfurt und raucht. Seit Montagabend raucht sie viel. Denn seitdem ist klar, was einer ihrer "Jungs", wie sie sie nennt, getan hat. Die 52-jährige Verlegerin kümmert sich im Helferkreis vor allem um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, so wie der Täter einer war. "Ich bin für sie ein bisschen Familie geworden", sagt Barrientos. "Er war nicht der Typ, wo man jetzt denkt, dass er durchknallt." Er sei weder schmal noch kräftig gewesen. Barrientos zeichnet das Bild eines verunsicherten Jugendlichen, dem Anschein nach weit weg von jeder Radikalisierung. Alle Afghanen unter den jugendlichen Flüchtlingen lebten in ständiger Angst vor dem Ablehnungsbescheid ihres Asylverfahrens, sagt sie.

Unscheinbar


Laut Zeugenaussagen trat der 17-Jährige nicht als radikalisiert oder fanatisch in Erscheinung. Er sei mal an Feiertagen in die Moschee gegangen, aber kein sehr gläubiger Muslim gewesen, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Der Junge selbst kann keine Antworten mehr geben. Er ist tot.

Wir müssen jetzt sehr genau analysieren, wie es trotz dieser guten Voraussetzungen dennoch zu dieser Gewalttat kommen konnte.Emilia Müller (CSU) Sozialministerin
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