Acht Monate in der Gewalt der Taliban

Ein Bild aus den glücklichen Tagen. Pater Alexis Premkumar SJ unterrichtet in der Behelfsschule in Sohadat Buben in Englisch. Die Aufnahme entstand vor der Entführung des indischen Paters. Bild: Jesuitenmission
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Bayern
05.06.2015
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Weil der Flug nach Bamiyan abgesagt worden war, entschloss sich Pater Alexis Premkumar SJ, doch noch für einen Tag nach Sohadat zu reisen. Er wollte das Schulprojekt der Jesuiten besuchen. Aus einem Tag wurden acht Monate - nicht in der Schule, sondern in der Gewalt der Taliban.

Ein Jahr nachdem seine Odyssee in der Gewalt der Taliban durch Afghanistan begonnen hat, sitzt der indische Jesuit Pater Alexis Premkumar SJ wohlbehalten im Büro der Jesuitenmission in Nürnberg und erzählt: von seinem Glauben an die Kraft des Gebets, von den Projekten des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten (JRS) im Land, von den Problemen im seit Jahrzehnten vom Krieg gebeutelten Land und vor allem von den Kindern, denen die besondere Aufmerksamkeit der Programme gilt.

Am 2. Juni 2014 verschleppt

Und der 48 Jahre alte Priester erzählt von dem Tag, an dem ihn vier Unbekannte im Dorf Sohadat verschleppten - rund 25 Kilometer von der westafghanischen Provinzhauptstadt Herat entfernt. Am 2. Juni 2014 hatte sich der Pater kurzerhand doch noch entschlossen, die Flüchtlingschule in Sohadat zu besuchen. Gut zwei Wochen war er nicht dort gewesen, weil es Reisewarnungen gab. Am 23. Mai war zudem das indische Konsulat in Herat angegriffen worden. Also buchte der Jesuit einen Flug nach Bamiyan, eine der vier afghanischen Provinzen, in denen der JRS hilft. Doch der Flug wurde abgesagt.

Da er in den nächsten Wochen nach Indien und nach New York reisen sollte, wollte Premkumar noch einmal nach den Schulen in Sohadat sehen. Sie waren vom JRS für zurückkehrende Flüchtlinge aufgebaut worden. "Ich habe niemanden etwas davon gesagt." Es half nichts. Kurz nachdem er vor der zweiten Schule angekommen war, raste ein Wagen heran. Er habe sofort gewusst, er solle entführt werden. "Ich war der einzige Ausländer." Er rannte in die Schule, um Schutz zu suchen.

Vergeblich. "Ich habe sofort die Schüsse gehört." Vier Männer mit Kalaschnikows warfen ihn in ihren Wagen. Sie banden ihm die Hände, und der Wagen raste davon. Nach zweieinhalb Stunden kamen sie in einem Dorf in den Bergen an. "Ich habe viele Kinder gesehen", erzählt Premkumar. Ein Kind habe mit einer Geste deutlich gemacht, er werde getötet. "Ich habe mir Sorgen um das Kind gemacht", sagt er nun hier im friedlichen Nürnberg. Es habe ihn erschreckt, was der endlose Krieg in Afghanistan mit Kindern mache.

Statt in Freiheit, verkauft

Nach acht Tagen sagten die Entführer, er werde gegen eine Lösegeldzahlung freigelassen. Doch statt in die Freiheit ging die Fahrt zu den Taliban. Von diesen wurde er an acht Stationen im Südosten festgehalten - manchmal in Dörfern, meist in abseits gelegenen Häusern, bisweilen in Höhlen. Meist war er an Händen und Füßen gefesselt, immer wieder waren auch seine Augen verbunden. Und er wurde geschlagen, als er sich gegen die Fesseln wehrte.

Der Jesuit erzählt, er habe täglich seine Flucht geplant, doch diese nie versucht. Er erzählt aber auch, dass bei ihm gegen einen besonders harten Wächter, der ihm sogar auf der Toilette keine Privatsphäre gelassen habe, Zorn und Wut aufgekeimt sei. Er habe sich ausgemalt, den Mann zu schlagen und zu treten, erzählt Premkumar. Doch dann habe er erkannt, dass es zwischen ihm und den Taliban keinen Unterschied gebe. Immer wenn er die Wut aufkeimen fühlte habe er das Jesusgebet gebetet. Er unterstreicht, dass er während seiner Gefangenschaft seine Kraft vor allem aus dem Gebet gezogen habe.

Der JRS und die Jesuiten sind nicht zum Missionieren im Land, betont Premkumar nachdrücklich, sondern, "um den vom Krieg betroffenen Menschen zu helfen". Obwohl er bereits seit 2011 in Afghanistan gearbeitet habe, habe er nie gesagt, dass er Priester ist. Nur die afghanischen Pädagogen, die zur Aus- und Weiterbildung nach Indien entsandt worden sind, hätten nach ihrer Rückkehr plötzlich "Pater" statt "Herr" Premkumar zu ihm gesagt, erzählt der Jesuit. Sie wüssten, dass er Priester ist, und ohne Frau und Kinder lebe. Erst im Oktober, als die Entführer ein Video als Lebenszeichen aufnahmen, hätten sie erfahren, dass er Priester ist.

Verhandlung in Katar

Zur Entführung hat sich nie jemand bekannt. Nach Premkumars Einschätzung ging es den ersten Entführern nur um Geld. Die zweite Gruppe ordnet er den Taliban zu. Von diesen wurde er nach acht Monaten freigelassen, am 22. Februar 2015 - in der Gegend von Kandahar, das als Hochburg der Taliban gilt. Ihm sei von den Entführern gesagt worden, deren Chef und Indien würden in Katar verhandeln. Dort am arabischen Golf ist das Büro der Taliban, das auch westliche Regierungen für Kontakte mit den Islamisten nutzen.

Die Bildungsprogramme der Jesuiten in den Provinzen Bamiyan, Daikundi, Herat und Kabul gehen weiter, doch die Schule im Dorf Sohadat haben sie an die örtlichen Behörden übergeben. Noch heute arbeiten vier Jesuiten im Land. Auf die Frage, ob er nach Afghanistan zurückkehren würde, antwortet Premkumar, Ja, wenn ihn die Ordensoberen entsenden, werde er gehen. Derzeit ist der Inder stellvertretender Direktor des JRS Südasien in Neu-Delhi, und damit auch für Afghanistan zuständig.

Dankesbesuch in Europa

Mit seinem Besuch in Europa will er sich für die vielen Gebete bedanken. Nach Deutschland stehen unter anderem Österreich, die Schweiz, aber auch Italien und Großbritannien auf dem Reiseprogramm. Der Jesuit ist überzeugt, dass Gebete die Welt verändern können, und das die Gebete ihn gerettet haben.
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