Arbeitslos nach dem Studium
Lehrer im Jugendclub

Der Streetworker und ehemalige Lehramtsstudent Frank Schmidpeter im Jugendtreff "Seven" in Postbauer-Heng. Bild: dpa
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Bayern
10.08.2016
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Viele Referendare haben zum kommenden Schuljahr kaum Chancen auf eine Planstelle. Insbesondere an Gymnasien und Realschulen ist die Situation prekär. Gewerkschaften fordern nun eine Flexibilisierung des Lehramtsstudiums.

Bamberg. Seit der neunten Klasse war für Frank Schmidpeter klar, was sein Traumberuf sein sollte. "Ich wollte schon immer Lehrer werden", erzählt der 25-jährige Oberpfälzer mit den markanten Dreadlocks. Deswegen habe er angefangen, in Regensburg Mathematik und Sport auf Realschullehramt zu studieren. Zwei Fächer die ihm lagen, und von denen ihm zu Beginn des Studiums gesagt wurde, die Jobchancen seien trotz des Überschusses an Realschullehrern nicht all zu schlecht.

Doch statt mit komplizierten Formeln und Reckturnen beschäftigt sich Schmidpeter nun mit Sozialarbeit und Skateboard fahren. "Kurz vor dem ersten Staatsexamen in diesem März war klar, dass ich quasi keine Chance habe, nach dem Referendariat eingestellt zu werden", erzählt er. Deswegen habe er sich nach Alternativen umgesehen und im April eine Stelle als Streetworker im Jugendtreff "Seven" in seinem Heimatort Postbauer-Heng bekommen.

Ohne Perspektive


Schmidpeter hat damit vermieden, was vielen bayerischen Junglehrern auch droht: die Perspektivlosigkeit nach dem Referendariat. Die Zahlen sind für viele Junglehrer nach sieben Jahren Ausbildung ernüchternd: Im September 2015 haben sich beispielsweise knapp 2400 Realschullehrer um eine Planstelle beworben. Lediglich 76 erhielten ein Einstellungsangebot - eine Quote von gerade einmal drei Prozent. "Insbesondere an den Gymnasien und den Realschulen ist die Situation in diesem Jahr weiter prekär", sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Lehrerverbands (BLLV). Während bei den Grund-, Mittel- und Förderschulen im September quasi alle Bewerber eingestellt würden, hätten viele junge Gymnasial- und Realschullehrer zunächst keine Aussichten auf eine der jeweils rund 250 Planstellen. Auf eine solche wartet beispielsweise Christian Meßner seit Februar 2015. Der 29-Jährige hat Sport und Religion auf Gymnasiallehramt studiert und war nach eigenen Angaben Jahrgangsbester in seiner Fächerkombination. Seit eineinhalb Jahren unterrichtet er nicht an einem Gymnasium, sondern mit Zeitverträgen an einer Mittelschule in Landshut.

"Die Einstellung richtet sich nach dem Bedarf. Wir haben schon seit Jahren darauf hingewiesen, dass die Schülerzahlen zurückgehen und die Situation an Gymnasien und Realschulen schwieriger wird", sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. Das Ministerium veröffentlicht jährliche Bedarfsprognosen für jede Schulart. Fleischmann fordert umfassendere Informationsmaßnahmen vor Beginn des Studiums, etwa Pflichtpraktika und eine intensivere Studienberatung. Und schlussendlich fordert der Lehrerverband, ähnlich wie die Bildungsgewerkschaft GEW, Lehramtsstudenten sollten die ersten Jahre gemeinsam studieren und sich erst später spezialisieren. Für das Kultusministerium ist das keine Lösung. "Es ist ein großer Unterschied, ob man nun Klassenlehrer an einer Mittelschule ist oder Fachlehrer an einem Gymnasium", sagt der Sprecher. Dementsprechend müsse die Ausbildung gestaltet werden.

Elf-Monats-Verträge


Stattdessen gibt seit vergangenem Sommer ein Programm für Gymnasial- und Realschullehrer, in dem diese sich innerhalb von zwei Jahren für den Dienst an Mittelschulen weiterqualifizieren können, wo aktuell Lehrer gesucht werden. "Da müssen auf einmal ausgebildete Gymnasiallehrer völlig fachfremd an Mittelschulen unterrichten und werden dafür auch noch schlechter bezahlt", kritisiert Bernhard Baudler von der GEW die Initiative.

Wer keine Planstelle ergattert hat oder über die Umschulung den Weg in die Verbeamtung gehen kann, nimmt oft ein weiteres Studium auf oder wechselt, wie Frank Schmifpeter, in ein anderes Berufsfeld. Einige gehen in andere Bundesländer, unterrichten an Privatschulen oder mit Zeitverträgen an staatlichen Schulen. Insbesondere Letzteres sorgt für weiteren Unmut. "Da fehlt für viele junge Kollegen jegliche Planungssicherheit", sagt GEW-Mann Baudler. Teilweise würden bei Zeitverträgen Ferien nicht bezahlt oder Lehrer zu den Sommerferien ausgestellt - sie arbeiten damit keine vollen zwölf Monate, womit meist auch der Anspruch auf Arbeitslosengeld erlischt.
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