Der neue Chef der evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, will eine ...
Zwischen Gemeinde und globaler Verantwortung

Freundlich-zugewandt: Heinrich Bedford-Strohm ist das neue Gesicht der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
12.11.2014
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Für die Besuche in den bayerischen Gemeinden, aus denen er Kraft für sein forderndes Amt bezieht, wird dem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in Zukunft noch weniger Zeit bleiben. Denn als oberster Repräsentant der Protestanten in Deutschland ist seine Stimme jetzt auch in Hannover, der Verwaltungszentrale der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und im politischen Getriebe der Bundeshauptstadt Berlin wichtig.

Allerdings hat der 54-jährige Theologe schon als Bischof der 2,5 Millionen bayerischen Protestanten, denen er auch in seiner neuen EKD-Funktion erhalten bleiben wird, weit über den weißblauen Tellerrand hinausgeblickt. Sein persönliches Engagement im internationalen Kirchenbund des Ökumenischen Rats der Kirchen ist ihm wichtig - nach der Weltversammlung im südkoreanischen Busan warb der Bischof unermüdlich für die globale Verantwortung der Christen. Bei ausgedehnten Informationsreisen in die Konfliktregionen Nordirak und Nahost verschaffte er sich einen eigenen Eindruck über Krieg und Vertreibung. Sein Fazit nach seiner Nordirak-Reise war, dass sich ein Völkermord wie durch den IS nur durch den Einsatz von militärischer Gewalt verhindern lasse. Deshalb begrüßte er ausdrücklich die Luftschläge der USA. Dabei nahm der gelernte Ethiker, der vor seiner Wahl zum Landesbischof Professor in Bamberg war, auch in Kauf, dass er sich gegen einen in der Kirche weit verbreiteten Pazifismus stellte. Neben der globalen Verantwortung liegen Bedford-Strohm soziale und ethische Fragen am Herzen. Nach seiner Überzeugung bemisst sich die Gerechtigkeit immer an der Situation der Schwächsten. Es sei deshalb ein "moralischer Irrsinn", wenn jeden Tag Tausende Menschen sterben müssten, nur weil die globale Wirtschaft nicht so organisiert sei, dass alle leben können.

Auch in ethischen Fragen zeigt er klare Kante und spricht sich ohne Wenn und Aber gegen organisierte Sterbehilfe aus. Allerdings reiche es nicht, diese Beihilfe zum Suizid gesetzlich zu verbieten. Der Prozess müsse begleitet sein von Maßnahmen für Menschen, die am Lebensende stehen und würdig sterben wollen. Das bedeute dann aber auch, "dass wir für ihre Begleitung viel Geld in die Hand nehmen müssen." Bedford-Strohm wendet sich gegen jede Form eines Schwarz-Weiß-Denkens. In der emotionalen Frage der Inklusion behinderter Menschen ist er überzeugt, dass man sehr genau hinschauen müsse, wie diese Menschen die Förderung bekommen können, die sie brauchen. Bedford-Strohm weiß, wovon er spricht: Auf einer halben Stelle hat er als Betriebsseelsorger in einer großen Behindertenwerkstatt im oberfränkischen Ahorn gearbeitet.

Mehr Strahlkraft

In seinem Bischofsamt setzt sich Bedford-Strohm für eine offene, authentische und weltzugewandte Kirche ein. Sie müsse weit nach außen ausstrahlen und durch ihre "Glaubenslust" den Menschen immer wieder neu zeigen, "welch große Kraft in den alten Traditionen des Christentums steckt". Die Wirkung des Evangeliums in der Gesellschaft hänge in hohem Maße von der Ausstrahlungskraft der Kirche selbst ab. Dafür setzt er neben Gottesdienst und Predigt, die für ihn immer noch einen zentralen Stellenwert haben, auch auf die neuen digitalen Kommunikationsformen: Er nutzt Facebook und twittert. Zusammen mit seinem Sohn Jonas, der Theologe studiert, veröffentlichte der Bischof ein Dialog-Buch zu den existenziellen Fragen von Kirche und christlichem Glauben.

Kraftquellen sind für Bedford-Strohm die Musik - er spielt selbst Geige -, das Meditieren biblischer Texte, die er auf seinem I-Phone immer greifbar hat, und vor allem seine Familie. Und für seine Frau, die er bei einem Studienaufenthalt in den USA kennengelernt hat, will er sich "Zeitinseln" freihalten. Am Ende eines Reformationsvortrags in der Münchener Immanuelkirche sagte er, er müsse jetzt zügig nach Hause, weil er seine Frau wegen einer Dienstreise schon lange nicht mehr gesehen habe. Dieser Spagat zwischen beruflichen Verpflichtungen und Zeitinseln wird jetzt wohl nicht einfacher.
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