Ein anderer Blick auf die Geschichte

Ministerpräsident Horst Seehofer (rechts) und der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, stehen im November 2011 nahe Prag vor dem Denkmal für die ermordeten Kinder von Lidice. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft hat sich zur Mitverantwortung für Verbrechen während der Nazi-Zeit und für den Holocaust bekannt. Archivbild: dpa
Politik BY
Bayern
01.03.2015
30
0

Revolutionäre Entscheidung bei der Sudetendeutschen Landsmannschaft: Die Heimatvertriebenen verzichten gegenüber Prag auf eine Rückgabe der Heimat und Wiedergutmachung. Sie setzen zudem ein Zeichen mit der klaren Anerkennung einer Mitverantwortung für Verfolgung und Holocaust.

Die Bundesversammlung der aus der ehemaligen Tschechoslowakei kollektiv vertriebenen 3,5 Millionen Sudetendeutschen hat die "Wiedergewinnung der Heimat" sowie eine "Restitution oder gleichwertige Entschädigung" für die kollektive Enteignung der Volksgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg als Ziele aus ihrer Satzung gestrichen. Der ehemalige konservative Prager Außenminister und Präsidentschaftskandidat Karel Schwarzenberg zollte dem Beschluss seine "Hochachtung".

Die Sudetendeutschen bekräftigten ihren Willen, "Bindeglied im deutsch-tschechischen Dialog" zu sein. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Partnerschaft mit den Tschechen wurde zum zentralen Ziel der sudetendeutschen Arbeit erklärt. Die EU-Grundrechtecharta sollte in all ihren Teilen für alle EU-Mitgliedsstaaten uneingeschränkt verbindlich gemacht werden. Weiter heißt es im Text der Satzung nunmehr: "Verstöße gegen diese Rechte wie Völkermord, Vertreibungen, ethnische Säuberungen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, menschen- und völkerrechtswidrige Enteignungen sowie Diskriminierungen" seien "weltweit zu ächten und dort, wo sie erfolgten, auf der Grundlage eines gerechten Ausgleiches zu heilen".

Zwar werden in dem Beschluss die Verbrechen an den Sudetendeutschen und die nach dem Zweiten Weltkrieg vom damaligen tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benes gegen die Sudetendeutschen gerichteten Dekrete kritisiert und die Heilung allen Unrechts gefordert. Deutlich wie nie zuvor spricht die Landsmannschaft aber von der "Mitverantwortung" der Volksgruppe "für die Verfolgung und Ermordung von Sudetendeutschen und Tschechen, die dem nationalsozialistischen Regime missliebig waren, sowie für den Holocaust an den Juden in Böhmen, Mähren und Sudeten-Schlesien".

Die Sudetendeutschen hätten sich "durch ihre Repräsentanten wiederholt zu ihrer Verantwortung im Zusammenhang mit den Verbrechen der Nationalsozialisten bekannt" und seien "entschlossen, diese Vergangenheit auch weiterhin aufzuarbeiten". Die Landsmannschaft setze sich dafür ein, die Sudetendeutsche Volksgruppe "auch in den kommenden Generationen als lebendige und vielfältige Gemeinschaft zu erhalten, die sich ihrer historischen sowie kulturellen Wurzeln bewusst ist und sich aus dieser Verantwortung heraus den aus ihrer Geschichte erwachsenen Aufgaben stellt".

Posselts Reformkurs

Der Beschluss ist Teil eines Reformprozesses, den die Sudetendeutschen unter Führung ihres Sprechers Bernd Posselt seit längerem vollziehen. Posselt, langjähriger Abgeordneter im Europaparlament für die CSU, hatte schon vor Jahren auf die Rückgabe des konfiszierten Eigentums seiner Familie, die in Nordböhmen gelebt hatte, verzichtet. Das hatte ihm unter den Vertriebenen nicht nur Beifall eingetragen. Da machte auch schon mal die Formulierung vom "Verzichtspolitiker" die Runde.

Wenig Freunde hatte sich Posselt zudem mit einer Entschuldigung in einer Live-Sendung des tschechischen Fernsehens für den Anteil der Sudetendeutschen an der Unterdrückung der Tschechen im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren gemacht. Die tschechische Seite wollte dieser Entschuldigung seinerzeit kaum größeren Wert beimessen. Der traditionelle Schirmherr der vertriebenen Sudetendeutschen, die bayerische Staatsregierung, hatte sich über viele Jahre hartleibig gegenüber den tschechischen Nachbarn gezeigt. Der ehemalige Regierungschef Edmund Stoiber reiste zwar durch die ganze Welt, fand aber nicht den Weg nach Tschechien. Er knüpfte einen solchen Besuch an die Aufhebung der Benes-Dekrete durch die tschechische Führung. Besagte Dekrete hatten die kollektive Enteignung und spätere Vertreibung der 800 Jahre auf dem Gebiet der einstigen Tschechoslowakei siedelnden Deutschen veranlasst.

Erst Ministerpräsident Seehofer durchbrach die Zeit der Sprachlosigkeit mit den tschechischen Nachbarn. Er besuchte Tschechien bereits mehrfach offiziell und ehrte dabei auch das Andenken an die ermordeten Tschechen in Lidice und Theresienstadt. In seiner Begleitung dabei waren immer auch Posselt und andere Vertreter der Sudetendeutschen. Seehofer hatte in den offiziellen Gesprächen mit der Prager Führung immer versucht, aktuelle Probleme des nachbarschaftlichen Zusammenlebens zu lösen. Die Dinge der Vergangenheit blieben unter ihm "vertraulichen Unterredungen" mit Prag vorbehalten, wie er immer wieder betonte. Es darf deshalb davon ausgegangen werden, dass die neue Beschlusslage mit Seehofer eng abgesprochen gewesen ist.

Appell an Tschechen

In Prag gab es am Sonntag zunächst kaum Reaktionen auf den Beschluss der Sudetendeutschen. Der ehemalige Außenminister und Präsidentschaftskandidat Karel Schwarzenberg zeigte sich jedoch gegenüber unserer Zeitung beeindruckt: "Es ist furchtbar schwer, über Jahrzehnte geltende Grundsätze aufzugeben. Alles braucht seine Zeit", sagte er. "Václav Havel, der einst den Vertriebenen die Hand gereicht hatte, würde sich über diesen Schritt aber sehr freuen." Schwarzenberg empfahl den Tschechen, jetzt "ihrerseits Zeichen zu setzen".
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.