Erste Station im neuen Leben

Ein Flüchtlingskind, das kurz zuvor mit seinen Eltern in einem Zug aus Ungarn über Österreich angekommen ist, schläft auf dem Boden einer Bahnhofsvorhalle des Hauptbahnhofs in München. Die neu angekommenen Menschen aus mehreren Ländern warteten auf ihren Weitertransport in Erstaufnahmeeinrichtungen. Bild: dpa
Politik BY
Bayern
02.09.2015
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Zu Hunderten sind seit Montagabend Flüchtlinge mit Zügen aus Ungarn am Münchener Hauptbahnhof angekommen. Auf dem Vorplatz warten sie auf den Beginn eines neuen Lebens.

Zwei Kinder krabbeln auf dem Boden umher, Mütter füttern oder wickeln Babys, einige Jungs spielen Fußball, junge Männer unterhalten sich lachend in der Sonne. Es sind Szenen wie aus dem Alltag vieler Familien - und doch gehören sie zu einer beispiellosen Ausnahmesituation. Hunderte Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Albanien sind in München angekommen, nachdem die Polizei am Ostbahnhof von Budapest ihre Ausreise geduldet hat. 2000 waren es nach Angaben der Bundespolizei bis zum Dienstagmorgen, Hunderte mehr wurden erwartet.

"München ist momentan im Notstand", sagt der 20-jährige Andreas Duchmann, einer von zahlreichen freiwilligen Helfern. Sie alle sind damit beschäftigt, Wasser und Essen an die Menschen zu verteilen, von denen die meisten nur mit einer kleinen Tasche, einem Rucksack oder einer Plastiktüte nach Deutschland gekommen sind. "Sowas hat's in München noch nie gegeben", sagt Duchmann.

Er meint damit nicht nur die vielen Flüchtlinge auf dem Bahnhofsvorplatz, die darauf warten, dass es irgendwie weitergeht und dieses neue Leben irgendwie beginnt, auf das sie in ihrer Heimat so hofften. Er meint auch die vielen Menschen, die Essen und Getränke vorbeibringen und Spielzeug für die Kinder. Eine Münchenerin zeigt einem Jungen, wie das Jojo funktioniert, das sie ihm geschenkt hat. In langen Schlangen warten die Flüchtlinge darauf, dass Busse sie in Erstaufnahmeeinrichtungen in München oder anderswo in Bayern fahren. Viele Familien mit kleinen Kindern sind darunter. In der Schlange steht auch der 58-jährige Syrer Naman Kanjo. Warum er sein Heimatland verlassen habe und nach München gekommen sei? "Aber das wissen Sie doch", sagt er in nahezu fließendem Deutsch. "Muss ich das wirklich erklären?" Einen Monat habe er von Syrien bis zum Münchener Hauptbahnhof gebraucht - und auf der Flucht seinen Sohn und seine vier Enkel aus den Augen verloren. "Ein Boot haben sie durchgelassen, das andere wurde abgefangen", sagt er über ihre Ankunft in Griechenland. Aber er wisse, dass die Kinder in Bayern seien. Die Feuerwehr legt am Dienstagmorgen eine Wasserleitung. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat Sonnenschirme organisiert und Kisten mit Bananen. "Ich kümmere mich hier vor Ort, weil es meine Stadt ist, mein Hauptbahnhof und weil es hier um Menschen geht. Das darf man in der ganzen Debatte nie vergessen." Auch wenn das die ganz große Mehrheit der Münchener so zu sehen scheint, es gibt auch andere Szenen am Bahnhof: Eine Handvoll Neonazis stellt sich am Montagabend breitbeinig und mit verschränkten Armen ans Gleis, um Flüchtlinge zu "empfangen". Ein älteres deutsches Paar steigt verärgert aus dem Zug aus Budapest und fordert einen Pressefotografen auf, nicht nur die Flüchtlinge zu fotografieren, sondern auch den Müll, den sie hinterlassen hätten. "Wegen denen mussten wir eine halbe Stunde in Rosenheim warten."
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